Er war außerordentlich sensibel, grüblerisch und kritisch. Diese Eigenschaften unseres Freundes Walter Abendroth haben mich von Anfang an fasziniert. Doch war das Zusammentreffen solcher Veranlagungen nicht immer harmonisch. Seine Sensibilität wurde mehr und mehr zur Verwundbarkeit. Mit Schrecken bemerkte er selber, daß seine stets wache Kritik in Menschenverachtung umzuschlagen drohte. Er rettete sich ins Metaphysische. Ich bin sicher, daß er versöhnt dahingegangen ist.

Ein anderer wäre wohl über die Vielfalt der Begabungen glücklich gewesen, Abendroth war es nicht, weil ihm eine einzige Begabung fehlte, die ihm notwendig gewesen wäre: Er verstand es nicht, sich zu verteidigen. Als ich mich einmal hinreißen ließ, ihm, dem liebgewordenen Partner langjähriger Streitgespräche, zu sagen, er sei in eine für ihn falsche Zeit hineingeboren worden, erwiderte er mit einem schweren und zugleich leisen Ja.

Nicht lange, nachdem ich ihn kennenlernte – das war um 1935 in Berlin –, war ich frappiert von der romantischen Schönheit seiner Erscheinung und von der Verachtung, die er gegen Hitler hegte. Dabei war seine Haltung die des Konservativen, der um das „Deutschsein“ bangte. Doch sprach er dieses Wort nicht so aus wie andere, die dann gleich von „Staatsbewußtsein“ oder „Soldatentum“ redeten. Er haßte den Kotau und die Uniformen.

Überhaupt stand er in jedem Augenblick seines Lebens zwischen den Fronten: ein Mann im Niemandsland. Sonst gäbe es keine Erklärung dafür, daß man nach dem Kriege an seiner Haltung im „Dritten Reich“ zweifeln konnte. Dies war dann der Augenblick, da wir ihm vorschlugen, in die Redaktion der kurz zuvor gegründeten ZEIT einzutreten. Wir brauchten ihn, den Hochgebildeten, den in allen kulturellen Dingen Anregenden, immer wieder auch antipodisch denkenden Mann. Er war in den fünfziger Jahren der Feuilletonchef der ZEIT, später ihr Kulturkorrespondent in München.

Abendroth, der 1895 in Hannover geboren wurde, zuletzt in einem Dorf seines geliebten Bayern lebte und jetzt in München starb, war beschlagen in Literatur und bildender Kunst. Er war ein Stilist von großen Qualitäten, der die Feder schnell zu führen wußte. So war er prädestiniert für den Beruf des Journalisten, den er gleichwohl nicht liebte und bei nächster Gelegenheit verlassen wollte. Doch kam diese Gelegenheit sehr spät, sehr spät.

Für ihn zählte mehr, was er zur Musikologie beigetragen hatte: seine grundlegende Biographie des ihm befreundeten Hans Pfitzner (1935), schließlich wohl auch polemisch gehaltene Analysen wie vom „Werden und Vergehen der Musik“ (1949) und die pessimistische Streitschrift „Selbstmord der Musik?“ (1968).

Das einzige, was Abendroth in Wirklichkeit war und ausschließlich hatte sein wollen: Komponist. Er hatte Lieder und Kammermusik geschrieben, fünf Sinfonien und eindrucksvolle Sakralmusik. Dieses, sein eigentliches Werk ist in einer Tonalität gehalten, die ihm (gleich dem Dirigenten und Mathematiker Ansermet) die einzig mögliche, weil humane Musiksprache erschien. Und doch ist die Abendrothsche Musik bei aller kompositorischen, scheinbar traditionellen Meisterschaft so spröde, so sehr geprägt durch eine seinem Wesen zutiefst eigene Hermetik, daß die Interpreten die letzte Probe auf die Gültigkeit des Werkes noch nicht gemacht haben. Mögen Sie es bald tun.

Josef Müller-Marein