An der deutschen Teilung leiden? Viele haben sie am eigenen Leib empfunden. Es gibt sogar eine spezifische „Berliner Mauerkrankheit“, behauptet der jetzt in Essen lebende ehemalige Direktor des Wilhelm-Griesinger-Krankenhauses in Ostberlin:

Dietfried Müller-Hegemann: „Die Berliner Mauerkrankheit. Zur Soziogenese psychischer Störungen“; Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Herford 1973; 129 S., 16,80 DM.

Die These des Professors lautet so: Die Berliner Mauer – „für die DDR-Bevölkerung nicht eine vorübergehende Sperrmaßnahme, sondern eine bleibende gefängnisähnliche Abgrenzung“ – war und ist Hauptursache von „anfangs mehr schockartigen, dann überwiegend schleichenden psychischen Störungen“. Zum Beleg analysiert der Psychiater und Neurologe 37 Fälle, die er während seiner Ostberliner Tätigkeit zu behandeln hatte. Und es besteht kein Zweifel: die beschriebenen seelischen Defekte lassen bei aller Vielschichtigkeit erkennen, daß einer ihrer Hauptfaktoren jene „sehr bedrückende Lebenssituation“ ist, wie sie nach dem 13. August 1961 zur Regel wurde.

Einwände gegen das Buch können sich folglich nicht gegen die Diagnose der Krankheit richten, eher schon gegen deren Bezeichnung. Vielleicht wird in Berlin die deutsche Spaltung am tiefsten empfunden, doch leiden an ihr kann man in Berlin so gut wie in Hamburg oder Treuenbrietzen. Der von der lokalen Bestimmung entkleidete Begriff „Mauerkrankheit“ wäre dann zu akzeptieren, wenn er als Umschreibung für die die Psyche belastende deutsche Misere definiert wird.

Ärgerlich an des Ex-Ostpsychiaters Werk ist jedoch, daß es so viele Seiten im Grunde einer Banalität einräumt. Denn die Wahrheit des Leidens an einem politischen Tatbestand wie dem Mauerbau wäre auch ohne die Ausbreitung von 37 Krankengeschichten einsichtig. Man weiß schon vorher: „Gefängnisähnliche Abgrenzung“ begünstigt und verursacht Depressionen.

Völlig im unklaren wird der Leser darüber gelassen, mit welcher Therapie der im Osten arrivierte Arzt der von ihm diagnostizierten Krankheit begegnet ist. Wer laut Einbandtext zehn Jahre Leiter des größten psychiatrischen Fachkrankenhauses in Ostberlin war, müßte dazu eigentlich einiges zu sagen haben. Müller-Hegemann dekretiert in seinen abschließenden Bemerkungen: „Gleich, in welchem Staatswesen der Patient und sein Therapeut leben, kann es niemals Sache des letzteren sein, auf eine passive, eine ‚konformistische‘ Anpassung hinzuwirken.“ Doch dies ist keine Antwort. Wie also heilen?

Der Vorschlag des ehemaligen Ostpsychiaters, an die DDR-Verantwortlichen zu appellieren, „daß zumindest denjenigen auch von Ost nach West der Weg durch die Mauer freigegeben wird, die durch die Mauer krankgeworden sind, ferner, daß denjenigen ein Aufenthalt im Westen zeitweilig ermöglicht wird, die durch besondere Härtefälle in die Gefahr ernster psychopathologischer Reaktionen geraten“, scheint wenig realitätsbezogen.