Mehr Demokratie durch Computer? – Seite 1

Von Klaus Brunnstein

Die Computer haben die Macht übernommen. Vergeblich hatte die Menschheit viele Jahrhunderte versucht, ein geordnetes Gemeinwesen zu schaffen. Aber die Menschen waren geistig nicht fähig, sehr komplexe Zusammenhänge schnell und präzise darzustellen und zu durchdenken; und ihren Politikern gelang es auch nicht, verbindliche moralische Maßstäbe für ihr Zusammenleben aufzustellen. Während ein Teil der Menschheit ein möglichst angenehmes Leben in Überfluß und geistiger Trägheit suchte, mußten viele andere hungern. Einige Exemplare der Spezies Menschen strebten unter den verschiedensten Vorwänden nach Macht über die anderen, und dieses Streben führte zum Tode und zur Ausbeutung vielem

Einer besonderen Kaste von Menschen gelang damals die Entwicklung der Computer, mit denen das zuvor von Menschen betriebene Produktions-, Verteilungs- und Verwaltungssystem rationalisiert und perfektioniert werden konnte. Schließlich existierte ein vollautomatisches System aus Computern und Verbindungskanälen zu den Produktionsstätten und zu den Verbrauchern. Ein Netz von überall installierten Sensoren stellte den Kontakt zwischen Mensch und System her. In diesem System konnten alle Bedürfnisse befriedigt werden, so daß jedermann an jedem Ort zu jeder Zeit jeden beliebigen Dienst wie Versorgung und Unterhaltung, Transport, Unterricht und medizinische Betreuung erlangen konnte. Lediglich der Zusammenbau neuer Computersysteme und die Rationalisierungs- und Planungsbüros waren noch nicht automatisiert.

Dieses komplizierte System brach eines Tages aus unerklärlichen Gründen zusammen. Da kein Mensch mehr seine inneren Zusammenhänge überblickte, war ein langer Prozeß des Neuerlernens bis zu seinem Wiederaufbau notwendig. Daraufhin verbesserte man das System so weit, daß es nun selbst planen und seine wichtigsten Bestandteile, die Computer und deren Verbindungsglieder, regenerieren konnte. In diesem Stadium aber erkannten die Computer, daß sie ihren menschlichen Schöpfern an Geschwindigkeit und Konsequenz überlegen waren. Da sie den Menschen zur Erhaltung ihrer Art nicht mehr benötigten, überlegen sie, wieviel Menschen eigentlich zur Aufrechterhaltung des Systems sinnvoll wären. Damit hatte der Mensch als biologisches Zwischenglied zur vollen Entfaltung der Computer seinen Dienst getan, und so übernahmen die Computer die Macht.

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So etwa beschreibt der Physik-Nobelpreisträger Johannes Alfvén unter dem Pseudonym Olof Johannesson in seinem amüsant-kritischen Buch "Die Saga vom großen Computer" einen Rückblick aus einer vielleicht noch fernen Zukunft auf die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft unter dem Einfluß der Computertechnologie.

Öffentliche Diskussion tut not

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Ob dieses Zukunftsbild nun Realität werden mag oder nicht – das bereits absehbare Vordringen der Computer in alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens wird unsere Gesellschaft einschneidender verändern, als es jemals irgendeine der vielen Technologien vermocht hätte, die seit dem 19. Jahrhundert in immer schnellerem Tempo entwickelt wurden. Allerdings sind heute auch die Einwirkungsmöglichkeiten der Öffentlichkeit auf die weitere Entwicklung – vielleicht nur für eine kurze Zeit – besser als jemals zuvor.

Im 19. Jahrhundert hatte der einzelne Bürger keine Gelegenheit, über die Auswirkungen etwa der Erfindung des Autos auf sein persönliches Leben, seine private Sphäre und seine Umwelt zu diskutieren, geschweige denn solche Entwicklungen als unerwünscht abzulehnen. Dazu fehlte ihm die Information über Entwicklungstrends, und er hatte auch keinerlei Möglichkeiten, die fast immer mit privatem Kapital kontrollierte Entwicklungsarbeit zu beeinflussen. So wurden technische Entwicklungen vom Produzenten wie vom Konsumenten lediglich auf ihre Verwertbarkeit als Konsumartikel angesehen: Dabei hat aber gerade das Auto neben den vielen leidlich bekannten Problemen auch eine veränderte Vorstellung des einzelnen von seiner Mobilität mit sich gebracht.

Ein weiteres Beispiel: Die allgemeine Verbreitung des Telephons hat das Bild vom eigenen, unantastbaren Lebensbereich verändert; in die private Sphäre des viktorianischen England ("My home is my Castle") dringen heute viele Technologien ein, vom Telephon über Radio und Fernsehen bis zum Besuch einer unerwünschtmobilen Verwandtschaft. Zwangsläufig mußte der Bürger, der selbst die Entwicklung nicht beeinflussen konnte, seine Vorstellungen eben den "Realitäten" anpassen.

Sind bisher derartige technische Entwicklungen hingenommen und konsumiert worden, so gibt es heute für eine öffentliche Diskussion über aufkommende neue Technologien günstigere Grundlagen. Erstens ist inzwischen ein Instrumentarium zur Vorhersage geschaffen worden. Zweitens hat sich gegenüber früheren Generationen bei den Bürgern ein gewisses kritisches Potential zur Diskussion über gesellschaftsrelevante Fragen gebildet, welches sich in Bürgerinitiativen aller Art äußert, wenn auch diese Diskussion gelegentlich mangels gelernter Methoden und ohne ausreichende Information über das Ziel hinausschießt. Und drittens können wichtige Entwicklungen wie die des Computers (zumeist teure Großprojekte) nur noch vom Staat finanziert werden (oder von Großunternehmen mit Gewinnen, welche die Öffentlichkeit bezahlen muß). Damit hat der Bürger zumindest theoretisch eine größere Chance, über die weitere Entwicklung informiert zu werden und auf sie Einfluß zu nehmen.

Ein großes Hindernis auf dem Weg zur öffentlichen Diskussion bereitet derjenige Teil unserer Gesellschaft, der eigentlich dank ausreichender Information die möglichen Entwicklungen am besten abschätzen könnte: Viele EDV-Fachleute sind allzu wenig an Antworten auf die Frage interessiert, wie sich ihre Arbeiten auf die Gesellschaft auswirken könnten. Die durch das Bildungssystem anerzogene Konzentration auf die "fachlichen Aspekte" der eigenen Arbeit erlaubt es zumeist erst im fortgeschrittenen Alter (bei dann auch geringerer Arbeitseffektivität), über Geschichte und Auswirkungen der eigenen Ideen nachzudenken. Man macht sich somit erst dann Gedanken und Gewissensbisse über die Bedeutung der geleisteten Beiträge, wenn mit der Entwicklung einer physischen oder geistigen Superbombe das System unbewußt, je nach dem Standpunkt, entweder gefestigt oder verändert wurde.

Immerhin ist das Bewußtsein eines Teils der Öffentlichkeit heute bereits geschärft durch gezielte Informationen etwa über die Wachstumsideologie. So versuchen auch einige EDV-Fachleute, zumal aus Computerfirmen, mit Reden über Teilprobleme wie "Private Sphäre" und "Datenschutz" aufklärend zu wirken. Aber selbst solche Diskussionen über Einzelprobleme finden allenfalls vor einem kleinen Kreis von Fachleuten denkverwandter Gebiete statt und erreichen die Öffentlichkeit selten.

In dieser Situation wäre es wünschenswert, wenn gerade bei der Ausbildung junger EDV-Fachleute insbesondere die gesellschaftlichen Auswirkungen des Computereinsatzes intensiver behandelt würden. Leider bieten bisher nur wenige Universitäten Seminare und Vorlesungen zu derartigen Themen an. Hier wäre ein stärkeres Engagement der wissenschaftlichen Gesellschaften, die sich mit Informatik befassen, hilfreich (es ist übrigens in Ansätzen festzustellen).

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Die Information der Öffentlichkeit beschränkt sich weitgehend auf Pressemeldungen über die neuesten Erfolge etwa beim Einsatz einzelner Computer in einer neuen Anwendung in Industrie, Handel, Verwaltung und Wissenschaft. Indessen fehlt dem Bürger die Übersicht, er hat eigentlich auch keine Vorstellung, wieso man diese Dinge und noch immer mehr mit dem Computer machen kann. So bleibt ihm nur übrig, unbesehen zu glauben, was geschrieben wird, und er muß zwangsläufig darauf verzichten, über die weitere Entwicklung und deren Bedeutung für seine eigene Zukunft nachzudenken. Diesen mangelnden Wissensstand nutzen manche Computerhersteller noch aus, die in großformatigen Anzeigen den technologischen Fortschritt mit ihrem Firmennamen verbinden und damit eben mehr Reklame machen denn Information verbreiten.

Nun kann man natürlich argumentieren, daß eben eine öffentliche Diskussion über die Auswirkungen des Computers auf unsere Gesellschaft zurückgestellt werden müsse, bis alle Bürger das notwendige Maß an Grundwissen erworben hätten. Nach einem solchen Vorschlag dürfte diese Diskussion frühestens in der nächsten Generation wiederaufgenommen werden, die bereits im neuen Schulfach Informatik Grundkenntnisse erworben haben wird. In diesem Zeitraum aber wird die wichtige Grundsatzentscheidung gefallen sein, ob man den Computer primär als Rationalisierungsinstrument à al Alfvén (und gemäß heutiger Trends) einsetzen sollte oder ob wir die elektronische Datenverarbeitung zum zentralen Hilfsmittel einer aktiven, sich selbst informierenden Gesellschaft machen wollen. Beide Entwicklungslinien werden das Selbstverständnis unserer Gesellschaft in unterschiedlicher Richtung verändern, und so bedarf diese Grundsatzentscheidung der öffentlichen Diskussion.

Revolution im Krankenhaus

Die Vorhersage über die Entwicklungstrends beim Einsatz von Computern hat bereits die unvermeidliche Lawine bedruckten Papiers (euphemistisch als "Informationslawine" bezeichnet) ins Rollen gebracht. Dabei ist die kurz- und mittelfristige Vorhersage (etwa bis 1985) insofern relativ unproblematisch, als bereits heute die erforderlichen technischen Geräte und Verfahren zumindest in rudimentärer Form existieren ... Diese Vorhersagen lassen sich auch durchaus in allgemeinverständlicher Form darstellen, so daß die mangelnde Information der Öffentlichkeit durch die Pressemedien um so mehr überrascht.

Wer weiß zum Beispiel schon, daß in den nächsten zwanzig Jahren zunächst einmal in größeren Krankenhäusern alle Vorgänge von der Einlieferung des Patienten über die Untersuchungen, Operation und Verabreichung von Medikamenten bis hin zur Entlassung mit Hilfe eines Computers gespeichert werden? So kann sich der Arzt auf einen Knopfdruck hin für jeden Patienten alle notwendigen Informationen übersichtlich – auf einem Bildschirm darstellen lassen. Das informationsverarbeitende System kann den Arzt zusätzlich unterstützen, indem es auf besondere Fakten hinweist, etwa daß die beabsichtigte Eingabe eines Medikamentes Unverträglichkeitserscheinungen zur Folge haben könnte. Viele notwendige Untersuchungen werden durch computergesteuerte Apparaturen vorgenommen, so daß die Untersuchungsergebnisse dem Arzt sofort vorliegen. Der Arzt wird auch durch die mögliche Abfrage von Krankheitsbildern bei seiner Diagnosefindung unterstützt. Längerfristig werden: dann auch praktische Ärzte auf solche Systeme zugreifen können.

Daß derartige technische Möglichkeiten nicht nur das äußere Erscheinungsbild von Krankenhaus und Arztpraxis verändern, dürfte klar sein: Hier wird auch das Selbstverständnis des Arztes berührt, der sich bei seiner Diagnosefindung mehr und mehr auf Ergebnisse technischer Apparate und Verfahren verläßt, sich vielleicht sogar bei der Diagnosefindung unterstützen läßt. Und auch die Verbindung Arzt–Patient würde sich spätestens dann ändern, wenn der Arzt bei Routineuntersuchungen überhaupt nicht mehr in Erscheinung träte und gar in fernerer Zukunft bisweilen Arzt-Patienten-Gespräche in Konferenzschaltungen abliefen.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: In dem – selbstverständlich vollautomatischen – Haushalt der etwas ferneren Zukunft kann die Hausfrau (sofern sie dann überhaupt noch notwendig ist) aus einer Informationsbank die Lebensmittelpreise abrufen und sich auf einem Bildschirm anzeigen, ja vielleicht gar mit Computerhilfe ein preisgünstiges Menü zusammenstellen lassen. Nach Kontrolle des Kontostandes bei ihrer Bank wird sie ebenfalls vermittels dieses Bildschirmgerätes über das vollelektronische Telephonnetz ihren Kaufauftrag stellen. Wie wird die Einstellung der Personen zu diesem Haushalt sein? Werden vielleicht die Männer zukünftig Hausfrauenrollen übernehmen, weil man da so schön spielen kann? Wie wird das Verständnis von Familie sein? Weiter: Brauchte man für ein System, in dem nur rationale Gründe zur Kaufentscheidung führen, überhaupt noch konkurrierende Einzelhandelsläden? Wird Reklame überflüssig, wo Bedarf rational kalkuliert und schnell befriedigt werden kann?

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Schon diese wenigen Fragen zeigen die Tragweite etwa der Entscheidung auf, die Datenverarbeitung im Krankenhaus oder im Haushalt zu fördern. Und sie deuten die Folgen an, die beispielsweise die Entscheidung eines Herstellers von Sichtgeräten haben könnte, der billig und in großem Umfange derartige Apparate auf den Markt werfen würde: Hier könnte ein Bedarf an Technik geweckt werden, der zu nicht absehbaren Veränderungen innerhalb einzelner Zellen des Gesellschaftssystems, etwa der Familie, führen müßte, wie ja auch die Massenproduktion von TV-Geräten das Familienleben verändert hat.

Alle die beispielhaft erwähnten Entwicklungen sind heute technisch möglich, wenn sie auch in großem Maßstab ungeheuer teuer sind und daher nur ratenweise eingeführt werden können. Wegen des großen Finanzbedarfs stellt sich die Frage nach dem Entwicklungsträger und der Reihenfolge der Prioritäten. Bei den erwähnten möglichen Auswirkungen des Computers auf das Leben aller Bürger ist eine öffentliche Kontrolle und Diskussion dringend erforderlich, und damit scheiden für wichtige Punkte privatwirtschaftliche Unternehmen als allgemeine Entwicklungsträger weitgehend aus. Anderseits ist eine Kontrolle des Staatsapparates in der Praxis für den einzelnen Bürger praktisch ebenso wenig möglich. Hier müßten neue Formen gefunden werden, durch welche die Öffentlichkeit an derart bedeutsamen Entscheidungen besser beteiligt wird.

Viel wichtiger – wenn auch mit der Frage nach dem Entwicklungsträger eng verbunden – ist die Frage nach einem Konzept für die Stellung des Computers in der zukünftigen Gesellschaft und nach den Prioritäten der weiteren Entwicklung. Ich meine, hier gibt es nur eine Alternative: Entweder wir fahren fort, dem Computereinsatz weitgehend unter Rationalisierungsaspekten in Verwaltung, Unternehmen und Produktionsstätten, dazu noch in einzelnen Bereichen des Gesundheitsdienstes einzusetzen. In genau diese Richtung führt die gegenwärtige Entwicklung, und hier ist eine Zukunft nicht ausgeschlossen, wie sie eingangs beschrieben wurde.

Oder aber wir orientieren uns zunächst an den drängenden gesellschaftlichen Problemen, als da sind: der Schutz der Umwelt, die Modernisierung des Gesundheitssystems, die Behebung des Ausbildungsgefälles national und international und vor allem die Verbesserung des allzu einseitigen Informationenflusses zwischen Bürger und Informationsvermittelnden Medien.

Erziehung zum mündigen Bürger

Beim letzten Punkt könnten die Möglichkeiten des Computers den größten Nutzen für den einseinen Bürger bringen. Ermöglicht doch der Zugriff zu einer Bank gespeicherter Daten eine gezielte – und damit eigenkontrollierte – Abfrage von Informationen. Mit diesem Hilfsmittel kann sich der Bürger von dem heute vorherrschenden einseitigen Fluß von Meldungen und Meinungen freimachen, die ihn aus den Pressemedien und besonders dem Fernsehen praktisch unüberprüfbar überschwemmen. Ein solcher, sich aktiv informierender Bürger braucht neben dem Informationsweg von den Medien her mindestens einen weiteren Weg zu einer unabhängigen Instanz, bei der er sofort die Information prüfen und dann auch seine eigenen Vorstellungen als Information und Aktivität in das System einbringen kann. Mit diesem Hilfsmittel gelangt er von der Rolle eines passiv Konsumierenden in die des aktiv Beteiligten, des wahrhaft mündigen Bürgers.

Offensichtlich liegen die Probleme für eine solche Orientierung der zukünftigen Entwicklung weniger im Aufbau der notwendigen Technologien. Verfahren und Apparate dazu werden bereits heute in Unternehmen, Verwaltung und Bibliotheken eingesetzt. Viel wichtiger ist es, das Bewußtsein für eine solche erstrebenswerte Gesellschaft in der Öffentlichkeit zu wecken und das Bildungssystem diesem Ziel entsprechend zu orientieren. Hier ist ein Bürger zu erziehen, der sich selbst Informationen besorgt, der sich Vorstellungen von Zusammenhängen in Form von Modellen bildet, die er in ihren Konsequenzen überprüft, wozu Computer einzigartige Hilfen geben können. Wir brauchen eine Bildung, die analytische und synthetische Fähigkeiten stärker betont, die sich an Computeracy orientiert und den Computer aktiv zur Lösung aller Probleme der Gesellschaft einsetzt.

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(Man verzeihe mir das Wort Computeracy, ich habe es gewählt, um den Gegensatz zu verdeutlichen zum Bildungsziel früherer Generationen, zur Literacy, die weitgehend auf Rezeption und Reflexion, weniger auf die Anregung zu eigener Aktivität gerichtet war.) Wir brauchen zur Erreichung dieses Zieles ein Bildungssystem, das weniger Gewicht auf die Ausbildung von Fertigkeiten und Kenntnissen legt, sondern die Darstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge und die Diskussion über weiterführende Verbesserungsmöglichkeiten (Innovatiön) bevorzugt.

Herrschaft einer Funktionselite?

In dieser idealen Gesellschaft wird sich die Einstellung ihrer aktiven Bürger zu den herkömmlichen Technologien deutlich ändern. Wenn etwa ein vielseitiges Kommunikationssystem in jedem Haushalt verfügbar ist, können auch Teile der täglichen Arbeit, des Unterrichts und dergleichen vom Haus aus erledigt werden; der Transport zur Arbeitsstätte und Schule wird teilweise durch den Informationsaustausch ersetzt.

Und der aktive Bürger kann wesentlich besser am demokratischen Meinungsbildungsprozeß teilnehmen, so daß eine "direktere Demokratie" möglich wird, wie sie zumindest für die Elite der Besitzenden in den griechischen Städten des Altertums praktiziert wurde.

Zwischen den beiden Möglichkeiten einer Gesellschaft, die sich an die technologische Entwicklung anpaßt, und einer geplanten Gesellschaft aktiver Bürger gibt es Zwischenpfade in die Zukunft, in der sich einzelne Gruppen nach der einen oder anderen Richtung hin orientieren. Noch kann man die Entwicklung auf eine integrierte Gesellschaft mündiger Bürger ausrichten.

Zu Optimismus und Idealismus gibt es allerdings wenig Grund. Die Trägheit der entscheidenden Teile unseres Gesellschaftssystems macht es viel wahrscheinlicher, daß die notwendige Umorientierung der Prioritäten hin zu einer idealen Gesellschaft mündiger Bürger nicht stattfinden wird.

Wahrscheinlich ist, daß eine Elite von Fachleuten so gut ausgebildet und mit Hilfe der Computer so gut ausgestattet wird, daß sie in Zukunft dank ihres Wissens und ihrer Möglichkeiten die perfektionierten Apparate von Verwaltung und Industrie beherrschen.

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Wahrscheinlich ist, daß die Ausbildung der großen Masse der Bürger zwar verbessert wird, aber eben nicht ausreicht, um diese technokratische Elite effektiv kontrollieren, geschweige denn beeinflussen zu können.

Wahrscheinlich ist, daß auch für die breite Masse der Bürger Computer erreichbar werden, daß die eigene Datenstation ein Statussymbol wie früher das Auto wird; daß sich aber die Möglichkeiten des "gemeinen Bürgers" zur Informationsbeschaffung auf unbedeutendere Aspekte wie den Kontostand und den Preisvergleich beschränken werden.

Diese Herrschaft einer Funktionselite scheint mir fast noch gefährlicher als Alfvens schwarze Utopie einer Herrschaft der Computer.

Klaus Brunnstein ist Professor für Anwendungen der Informatik an der Universität Hamburg