Ein sonderbarer Bestseller aus der DDR

Von Marcel Reich-Ranicki

Daß der neue Erzählungsband der Anna Seghers ein nicht nur sehr schwaches, sondern auch ein streckenweise unbeabsichtigt trauriges und dann wieder unfreiwillig komisches Buch ist –

Anna Seghers: „Sonderbare Begegnungen“, Erzählungen; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1973; 152 S., 19,80 DM

– kann denjenigen, der ihr Spätwerk kennt, nicht mehr wundern: Seit dem 1968 erschienenen Roman „Das Vertrauen“, den ich nach wie vor für einen literarischen Fehltritt, eine moralische Schandtat und einen politischen Frevel halte, muß man bei dieser großen Schriftstellerin leider auf alles gefaßt sein.

Dennoch sind ihre neuen Erzählungen bestimmt einiger Aufmerksamkeit wert. Zum ersten stammen sie eben doch von Anna Seghers: Die Bewunderer ihres Talents können sie, die einst eine überaus sinnliche, eine unvergeßliche Prosa schrieb, in (freilich nur sehr wenigen) ausdrucksvoll-exakten Nuancen und poetischen Formulierungen gerührt und zugleich entsetzt wiedererkennen. Ferner steht der Band „Sonderbare Begegnungen“ schon seit Wochen an der Spitze der Bestsellerliste der DDR – und dies ist ein für uns keineswegs belangloses Faktum.

Natürlich wird der Buchkonsum überall organisiert, drüben allerdings mit anderen Mitteln und Methoden und zu ganz anderen Zwecken als hüben. Natürlich können sowohl sozialistische Institutionen als auch kapitalitische Unternehmen den Käufern einzelne Titel aufdrängen. Aber es zeigt sich immer wieder, daß Zwang und Manipulation hier wie dort – zumindest in diesem Bereich – ihre Grenzen haben.

Das soll heißen: Ähnlich wie für den Publikumserfolg der gegenwärtig die bundesrepublikanischen Bestsellerlisten anführenden Romane von Johannes Mario Simmel und Siegfried Lenz die entscheidenden Gründe nicht woanders zu suchen sind als in diesen Romanen selbst und, versteht sich, in der (eben nicht zufälligen oder nur organisierten) Popularität ihrer Autoren, so ist es auch durchaus glaubhaft, daß sehr viele Bürger der DDR freiwillig zu dem neuen Buch der Seghers greifen, ja, es sogar mit aufrichtigem Interesse lesen.

Verstehen ist nicht so wichtig

Denn es sind zwar drei sehr unterschiedliche Erzählungen, die sie hier vereint hat; nur daß sie alle drei dem DDR-Publikum weit entgegenkommen, Wenn auch jede – und das kann den Absatz nur steigern – ein etwas anderer Teil dieses Publikums goutieren wird.

Im „Treffpunkt“, der längsten der Erzählungen – sie spielt zwischen 1928 und 1945 –, heißt es von einem Jungen namens Klaus, der sich einer kommunistischen Jugendorganisation anschließt: „Er verstand fast nichts von ihren Gesprächen... Er hätte manchmal gern eine Frage gestellt, aber er hielt sich zurück... Sie sangen, ihre Augen glänzten.“ Und etwas weiter: „Er verstand nicht alles, aber er war gebannt.“

Ich weiß, ich hätte mich längst daran gewöhnen können, und trotzdem erstaunt es mich immer wieder – daß nämlich. Anna Seghers nicht müde wird, stets aufs neue jene zu besingen, die fast nichts verstehen, aber dafür viel und richtig fühlen, die keine Fragen stellen und nie zweifeln, aber dafür wacker hinter der Fahne marschieren, natürlich der roten. „Die Partei, die Partei hat immer recht“ – das dumme und widerliche Lied, das hündische Unterwürfigkeit fordert, es hätte das Motto auch dieser Erzählung sein können.

„Was wir tun, ist richtig“ – meint der Kommunist Erwin, der andere Held des „Treffpunkt“. Doch was die KPD damals – in der Weimarer Republik und in den Jahren der Illegalität – ihren Mitgliedern abverlangte, war ja oft falsch und töricht und verantwortungslos. Alle alten Kommunisten wissen das, auch Anna Seghers. Wem nützt sie, wenn sie die schmerzhaften Dramen der Parteigeschichte umstilisiert – um nicht zu sagen: umlügt – in Märchen für artige und etwas unterentwickelte Kinder?

Da wird auf die Niederlage der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg wie stets bei der Seghers reagiert „Was inzwischen in Spanien geschehen war, beunruhigte ihn, doch er konnte sich die Ereignisse nicht richtig erklären.“ Das ist alles zu diesem Thema. Oder: „Den Pakt zwischen Hitler und Stalin erlebte Erwin in Luckau. Er war wie vor den Kopf geschlagen...“ Kein Wort gegen den Pakt, wohl aber eine Rechtfertigung: „In solchen Zeiten ist alles möglich... Schließlich war es vernünftig.“

Und 1945 kommt die Sowjetarmee: „Es gab warme Suppe.“ Was es damals sonst noch gab, wird nicht gesagt. Hier endet auch die Erzählung von den beiden Kommunisten: Wie man sieht, hält sich Anna Seghers an eine im literarischen Leben der DDR längst bewährte Regel, der zufolge alten Kommunisten die Konfrontation mit der Wirklichkeit des von ihnen angestrebten Staates in Romanen und Geschichten eher zu ersparen ist.

Jedenfalls läßt kein einziger Satz der 1971 verfaßten Erzählung den Zeitpunkt ihrer Entstehung erkennen, keiner, der davon zeugen könnte, daß Anna Seghers aus der politischen Entwicklung des letzten Vierteljahrhunderts auch nur die geringsten Folgerungen zu ziehen bereit war.

In stilistischer Hinsicht freilich weicht die neue Erzählung von ihrer früheren Prosa nicht unerheblich ab: Den chronikartigen Duktus, den die Seghers einst für solche Geschichten bevorzugte, hat mittlerweile eine altbacken-betuliche Suada abgelöst. Was herb und spröde war, ist jetzt nur noch brav und bieder, was, zugegeben, dem Inhalt genau entspricht.

So beginnt der „Treffpunkt“: „Der Kunstschlosser Rautenberg, der in der Stadt Gotha lebte, hielt streng auf Ehrbarkeit und Sparsamkeit in seiner Familie.“ Da gibt es „ein einfaches, mit zwei Flaschen Wein aufgelockertes Abendessen“. Von Erwin hören wir, daß er „ein putziges, hurtiges Bürschlein gewesen war“. Man könnte annehmen, Anna Seghers sei diesmal auf die Parodie der beliebten deutschen Lesebuch-Geschichte aus gewesen. Doch kann davon leider keine Rede sein, hier ist alles so ernst wie humorlos gemeint.

Aber wer sich in der DDR nach des Tages Arbeit nach einer Lektüre sehnt, die sich für große Literatur halten ließe (und dafür scheint ja der Name der Autorin zu bürgen) und die ihn einigermaßen unterhält, ohne ihn zu beunruhigen oder gar zum Nachdenken zu nötigen, dem mag ein derartiges Prosastück – um in dessen Stil zu bleiben – gar trefflich munden: Gerade der fatale Lesebuch-Anstrich dieser Erzählung kann also bei einem bestimmten Publikum zu ihrem Erfolg beitragen.

Wer allerdings mehr auf Poetisches und Phantastisches eingestellt ist, wer gern über Geheimnisvolles und Tiefsinniges grübeln möchte, der mag eher bei den „Sagen von Unirdischen“ auf seine Rechnung kommen. Es handelt sich um eine Science-Fiction-Story, die im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert spielt und in deren Mittelpunkt Kundschafter von einem anderen Stern stehen: Verwundert stellen sie fest, daß es auf Erden, zumal in Deutschland, gibt, was sie nicht kennen – Krieg und Kunst.

Eine Figur dieser Sagen ist der von den Katholiken grausam bekämpfte Matthias Grünewald: „Sag mir“, fragt der Neuankömmling, „warum er von seinem Werk nicht abläßt, wo er doch weiß, eine große Gefahr ist nahe?“ Ob Anna Seghers hier vielleicht an Künstler, an Schriftsteller vor allem, gedacht hat, die heutzutage in gewissen Ländern von ihrem Werk nicht ablassen, obwohl große Gefahr nahe ist? Nein, machen wir uns lieber keine Illusionen.

Diese „Sagen von Unirdischen“ muten (wie übrigens meist Science-Fiction-Storys) allzu ausgeklügelt und kalkuliert an und sind (abgesehen von den ersten und besten Seiten) etwas wirr und recht dunkel. Wird das der Erzählung schaden? Nicht unbedingt. „In einem Land, wc man von Haus aus soviel träumt und trübt“ (Benn), werden manche ihrer Leser durchaus zufrieden sein.

Doch auch für literarische Feinschmecker in der DDR ist hier gesorgt: Die aus dem Jahre. 1972 stammende „Reisebegegnung“ erzähl: von einem Treffen in einem Prager Kaffeehaus. Die Teilnehmer sind: E. T. A. Hoffmann, Nikolai Gogol und Franz Kafka. Ein guter Einfall? Ein glänzender. In der Literatur aber, sagt eine alte Weisheit, kommt es nicht auf die Einfälle an (die liegen zwar nicht auf der Straße, stehen jedoch fast täglich in den Zeitungen), sondern darauf, was der Autor aus dem Einfall machen kann.

Was hat uns Anna Seghers von jenem Schriftsteller zu erzählen, für den Ernst Fischer 1963 auf der berühmten Liblice-Konferenz ein Dauervisum für die Oststaaten beantragt hat? Dieser Antrag ist, wie man weiß, noch weitgehend unerledigt: In der DDR beispielsweise gilt Kafka, obwohl man sich dort 1965 immerhin einen einmaligen (sehr ordentlichen) Auswahlband seiner Werke geleistet hat, nach wie vor als ein Diversant, ein besonders gefährlicher Staatsfeind. Ein Dauervisum kommt offenbar überhaupt nicht in Frage. Von diesem unvermindert vorhandenen Hautgout profitiert beim Publikum in der DDR die „Reisebegegnung“.

Daß Kafka an einem Kaffeehaus-Tisch sein „Schloß“ schreibt, kann ich mir nicht recht vorstellen. Daß E. T. A. Hoffmann, Gogol und Kafka genau die gleiche Sprache sprechen, die sich überdies nicht im geringsten von jenem Seghers-Idiom unterscheidet, das wir von ihren mit wenig Geist geschlagenen proletarischen Helden längst kennen, will ich nur am Rande vermerken. Daß die drei Genies bereitwillig im Kaffeehaus ihre Geschichten nacherzählen und ganze Passagen vorlesen oder auswendig rezitieren, finde ich einigermaßen komisch, zumal die meisten Schriftsteller, ob nun Genies oder nicht, für die (gelungenen) Arbeiten ihrer (lebenden!) Kollegen wenig Geduld aufbringen.

Daß Kafka im Kaffeehaus zu allerlei griffigen Bekenntnissen bereit ist (er sagt, er fühle sich „heimatlos, zwischen Deutsch Und Tschechisch“ und sei „verkapselt in Todesangst“), daß er Banalitäten von sich gibt („Jeder von uns muß wahr über das wirkliche Leben schreiben“) und in backfischhafter Verzückung ausruft: „Wie wunderbar ist die Sprache, wie rätselhaft!“ scheint mir ziemlich geschmacklos.

Kafkas unverständliches Zeug

Aber dies alles mag noch nebensächlich sein angesichts dessen, worauf die „Reisebegegnung“ hinausläuft – nämlich auf eine unmißverständliche und handfeste Auseinandersetzung mit Kafka. Sein Schreiben, wirft ihm Gogol vor, habe keinen Sinn, weil ihn die Menschen nicht begreifen könnten: „Unverständliches Zeug nützt nichts, wie es oft junge Leute verzapfen.“

Hoffmann tadelt Kafka, weil er „nie über Gerechtigkeit“ geschrieben habe, sondern „nur über einen Prozeß im allgemeinen, den eine unbekannte Macht steuert“. Die Schriftsteller aber sollten „die Menschen trösten und warnen“. Indes käme bei Kafka viel vor – bedauert Hoffmann –, „was die Menschen sinnlos beängstigt, zweiflerisch, unsicher macht“. Und: „Bei Ihnen gibt es, fürchte ich, keine richtigen Menschen aus Fleisch und Blut mit guten und schlechten Eigenschaften.“

Gegen Ende der Erzählung wird der zentrale Einwand immer stärker akzentuiert: In Kafkas Werk vermisse man die optimistische Perspektive. In seinen Erzählungen fehle – wieder ist es Hoffmann, der dies feststellen muß –, „daß man sich irgendwann, irgendwie hoch erheben kann über die Leiden und Qualen in unserem bedrohten Leben“.

Ein wenig darf sich Kafka gegen die ihn kritisierenden Kollegen zur Wehr setzen: Ob er denn nicht das Recht habe, die Wirklichkeit so ausweglos darzustellen, wie er sie sehe? Darauf hat Hoffmann nur gewartet, um den Individualisten und Pessimisten energisch auf Vordermann zu bringen. Er, Kafka, sehe ja nur ein „schmales Stück Wirklichkeit“: „Weil Sie für sich selbst keinen Ausweg sehen, sehen Sie auch keinen für andere. Man muß aber nach einem Ausweg suchen, nach einer Bresche in der Mauer... Ein Lichtpünktchen muß man aufglänzen sehen.“

So wird hier Kafka vom Standpunkt des Sozialistischen Realismus (übrigens des orthodoxen, eher des von gestern und vorgestern) nach Strich und Faden abgekanzelt: Anna Seghers ist sich, so unwahrscheinlich dies auch sein mag, nicht zu gut, um die plattesten und simpelsten Vorwürfe, die im Laufe der letzten zehn Jahre von den borniertesten Kritikern und Funktionären in Ostberlin und Moskau (aber nie in Warschau) gegen Kafka erhoben wurden, zu wiederholen und ungeniert Gogol und vor allem Hoffmann (wer hätte gedacht, daß ausgerechnet der Autor der „Nachtstücke“ zum passionierten Sachwalter des Sozialistischen Realismus avancieren würde?) in den Mund zu legen.

Schließlich gibt es in dieser Erzählung noch eine überraschende, eine schlechthin umwerfende Pointe: Kafka übt Selbstkritik. Im „Schloß“ sei „die Versöhnung, das Aufenthaltsrecht nach soviel Entbehrung. Ich hätte es wenigstens so schreiben sollen. Ja ‚Amerika‘, darin war etwas enthalten, was die Menschen verstanden. An dieses Etwas hätte ich mich halten sollen“.

Kafka also kommt zum Ergebnis, daß er sein ganzes Werk hätte anders schreiben und sein „Schloß“ mit einem versöhnlich-optimistischen Ausgang versehen sollen. Das schlägt dem Faß den Boden aus. Ich halte dies – und bei allem Respekt vor der Autorin des „Siebten Kreuzes“ sehe ich keinen Grund, taktvoll-vorsichtige Umschreibunge zu suchen – für hirnverbrannten Blödsinn und für eine Schamlosigkeit obendrein.

Doch was auch ein großer Schriftsteller publizieren mag, er kann immer nur sich selber kompromittieren, nie sein früheres Werk. In der Erzählung „Die Reisebegegnung“ heißt es einmal: „Jeder ist schuld an dem, was er schreibt.“ Eben, eben.