Ein Rest von Schwierigkeiten – Seite 1

Von Barbara von Jhering

Bruno Sabels sucht nicht lange nach der Antwort. Auf die Frage, warum er nach Deutschland zurückgekehrt sei, sagt er einfach: "Um den Karren aus dem Dreck zu ziehen." Das klingt entschlossen und meint: den offenkundigen Mangel an Lehrern in Mathematik und Physik hierzulande beheben zu helfen. "Sehen Sie, was soll man machen, wenn man drüben sitzt und in der Zeitung liest, daß das Vaterland um Naturwissenschaftler bettelt? Das kann sich heute doch kein Land mehr leisten."

Der Deutschamerikaner Sabels, Jahrgang 29, gehört zu einer Gruppe von 27 amerikanischen Naturwissenschaftlern, die Anfang August nach Hamburg kamen, um deutschen Gymnasiasten beizubringen, was ein Vektor ist, wie man eine quadratische Gleichung löst oder was der erste Hauptsatz der Thermodynamik aussagt. Die neuen Lehrer verstärken das Häuflein von vierzehn noch anwesenden Amerikanern der "ersten Generation". Zwei Jahre lang hatten 47 Naturwissenschaftler aus den Vereinigten Staaten in Hamburg unterrichtet und geholfen, Löcher im Stundenplan zu stopfen. Außerdem sind zur Zeit noch 51 Lehrer aus anderen Ländern in der Hansestadt tätig; sie unterrichten alle Fächer, von Deutsch bis Musik.

Ungewöhnlich ist das nicht; denn in allen Bundesländern arbeiten ausländische Lehrer – und während der Plan, deutsche Studenten an amerikanische Universitäten zu exportieren, immer konkreter wird, scheint der Import von Lehrern vergleichsweise wenig aufwendig. Abgesehen von den englischen und französischen Assistenten, die Schüler an Rhein, Isar und Elbe in die höheren Weihen der Literatur und die niedrigeren der Umgangssprache einführen, gibt es in der Bundesrepublik rund 1200 hauptamtliche Lehrkräfte aus dem Ausland.

Nur die wenigsten wurden direkt geworben. Die Mehrzahl fragte auf gut Glück schriftlich an oder kam globetrottend herbei, vom hitchhiking American bis zum Staatenlosen. Sie bewarben sich, weil to see the world gerade bei Lehrern von jeher zum Bildungsideal gehörte, weil sie an der Bundesrepublik interessiert waren oder weil sie hierher heirateten. Und sie bleiben, bis sie das Land kennen, solange sie gebraucht werden oder solange die Ehe hält.

Ulrich Littmann, der Direktor der deutschamerikanischen Fulbright-Kommission für den Austausch von Studenten und Wissenschaftlern, schätzt, daß an bundesdeutschen Gymnasien rund 350 Amerikaner unterrichten. Die meisten sind Sprachlehrer, und viele bleiben im Rahmen eines Austauschprogramms nur ein Jahr. Auch die Engländer, von denen allein ein Londoner Büro, das British Centre, 476 in fünf Bundesländer vermittelt hat, unterrichten vorwiegend ihre Muttersprache und manchmal auch Deutsch.

Mit 323 englischen und 43 amerikanischen Lehrern hält Nordrhein-Westfalen die Spitze; Rheinland-Pfalz beschäftigt 43 Engländer und 13 Amerikaner. Berlin und Niedersachsen geben die Zahl ihrer "Gastlehrer" je mit rund 200 an, Baden-Württemberg mit 69, Bayern mit 53, Bremen mit 30, die Saar mit zehn. Hessen und Schleswig-Holstein machen keine Angaben, schätzen die Zahlen jedoch gering.

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Längst nicht alle betrachten indes den Pädagogen-Import positiv. Eine deutsche Studienrätin, die bei den 14tägigen Vorbereitungskursen des British Centre mitarbeitet, sieht sogar bei Sprachlehrern, deren Wert als native Speaker sie sonst nicht in Zweifel zieht, Schwierigkeiten: Probleme gäbe es vor allem bei der sogenannten language control. Deutsche Lehrer bestünden nämlich unnachsichtiger auf korrekter Aussprache; so könne es vorkommen, daß ihre Schüler ein verständlicheres Englisch sprechen als diejenigen, die es bei einem Engländer gelernt haben.

Noch reservierter sind zuständige Beamte in den Kultusministerien, wenn es darum geht, Ausländer als Lehrer für Naturwissenschaften einzustellen. Selbst in Rheinland-Pfalz, wo die Idee, Naturwissenschaftler aus den Vereinigten Staaten zu holen, von Kultusminister Bernhard Vogel geboren wurde, werden Amerikaner heute nur noch im Sprachunterricht eingesetzt. Doch die Idee war zu attraktiv, als daß Politiker wie Peter Schulz, damals Schulsenator in Hamburg und Anwärter auf den Bürgermeistersessel, darüber zur Tagesordnung hätten übergehen mögen. Schulz schickte zwei Schulräte in die USA; sie kamen mit 83 Lehrern zurück.

Der ersten Euphorie über den gelungenen Coup folgte jedoch rasch die Ernüchterung: Schon nach einem Jahr hatte fast die Hälfte der Amerikaner der Hansestadt wieder den Rücken gekehrt. Es zeigte sich, daß die ganze Aktion überhastet durchgeführt worden war. Vor allem hatten die Hamburger sich und den Bewerbern etwas vorgemacht, als sie anfangs versicherten, bundesdeutsche Primaner könnten höhere Mathematik auch auf Englisch begreifen.

Inzwischen hat man in Hamburg aus den Fehlern gelernt und den zweiten Werbefeldzug "generalstabsmäßig" geplant. Man bat die für amerikanische Universitäten typischen placement offices an fünf Hochschulen um Adressen von Pädagogen auf Stellungssuche. Die Ausschreibung war unmißverständlich, sowohl was die geforderten Sprachkenntnisse als auch die pädagogischen Fähigkeiten betraf. Ein in die USA entsandtes Behördenteam prüfte die Bewerber in persönlichen Gesprächen. 27 Naturwissenschaftler sagten zu, mit siebzehn weiteren, die ein Semester lang noch ihr Deutsch vervollkommnen müssen, wurde ein Vorvertrag abgeschlossen. Die Gesamtkosten der Aktion beliefen sich, inklusive Reisekosten und Gebühren für die Unterstellung von Hausrat, auf 120 000 Mark. In der Behörde ist man zuversichtlich, daß sich der Betrag diesmal auszahlen wird.

Von den Erfahrungen der nächsten zwei Jahre wird es abhängen, ob das Hamburger Experiment nur ein Lückenfüller für Lehrermangel ist, oder ob die Anwerbung von Naturwissenschaftlern darüber hinaus zum Prinzip werden könnte, möglicherweise im Rahmen eines Austausches, wie es ihn bei Sprachlehrern bereits gibt.

Eines der bisher ungelösten Probleme ist der Unterschied in der Lehrmethode: In den USA ist ein Lehrer daran gewöhnt zu dozieren, hier dagegen soll ein Unterrichtsgegenstand nicht fertig serviert, sondern im Gespräch zwischen Lehrer und Schülern "erarbeitet" werden. Auch etwas anderes bereitet vor allem Amerikanern und Engländern Sorgen: daß Schüler hierzulande nicht selbständig arbeiten können, auf deutsch, daß sie ständig "abgucken", "abbohren", "schummeln" – eine Tatsache, die in England und Amerika undenkbar ist.

Mehrere ausländische Lehrer sehen die eigentlichen Ursachen für diese Unsitte im deutschen Schulsystem, das wegen seines Zensurendrucks ein freies, nur auf den Gegenstand gerichtetes Lernen gar nicht ermögliche. Roger Leed aus England: "Hier ist der Lehrer immer der Feind." Zwar gebe es in seinem Land auch Prüfungen am Ende eines Schuljahres und, vor allem, bei der Aufnahme in die Universität; doch da sei man dann Verbündeter der Schüler gegenüber einer anonymen Zentralgewalt.

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Aber nicht nur den ausländischen Lehrern macht dieses Problem zu schaffen, auch die deutschen Schüler werden durch die permanente Leistungsbewertung daran gehindert, von den Gastlehrern in dem Maße zu profitieren, wie es möglich und wünschenswert wäre. Rainer Lippold, Landesschulsprecher in Hamburg, macht sich da nichts vor: Zwar sei die fachliche Qualifikation der amerikanischen Lehrer unbestritten, aber er fürchte, daß auch bei den "neuen", sprachlich weit besser gerüsteten Amerikanern immer ein Rest von Verständigungsschwierigkeiten bleiben werde, zumal wenn es um diffizile mathematische Probleme geht. Die Konsequenz seien schlechtere Noten, und das bedeute geringere Chancen im Numerus-clausus-Kampf.

Obwohl die meisten ausländischen Lehrer ihr Bestes geben, sind sie doch in der Schule nicht selten isoliert. Das Stichwort lautet: Kommunikation mit den Schülern, Kooperation mitden Kollegen. Auch hier scheinen die tatsächlichen Möglichkeiten, die Anwesenheit amerikanischer Naturwissenschaftler für alle Beteiligten optimal zu nutzen, gering. Die Gründe sind wiederum; Raum- und Zeitnot, Zensurendruck, Lehrermangel. Vielleicht aber auch ein mangelndes Training für die Zusammenarbeit bei deutschen Lehrern und Schülern.

Dieser Eindruck drängt sich nach vielen Gesprächen und mehreren Schulbesuchen auf. Zwar schätzen deutsche Lehrer Ausländer als immer präsente Aussprachehilfe und "lebendes Lexikon" und holen sich gern fachlichen Rat; doch mit Naturwissenschaftlern ist die Zusammenarbeit weit weniger üblich. Sie beschränkt sich meist auf gelegentliche Absprachen zu dem Zweck, Parallelklassen auch vom Pensum her parallel hochzuziehen.

Auf die Frage, ob sie zu außerschulischen Unternehmungen mit Schülern bereit wären, damit! diese auch außerhalb des Unterrichts von ihrem US-Lehrer profitieren können, zucken viele Amerikaner mit den Schultern: Anders als bei ihnen zu Hause seien deutsche Schulen darauf nicht eingerichtet. Drüben seien sie kulturelles Zentrum der Kommune und ständen bis spät nachts offen-– hier ständen die Schulen nachmittags leer, viele positive Möglichkeiten könnten nicht wahrgenommen werden.

Eigentlich sind die amerikanischen und englischen Lehrer heute überall gern gesehen; doch was wird aus ihnen, wenn wir in ferner Zukunft einmal selbst genügend Lehrer ausbilden sollten? Die Antwort in den Schulämtern ist eindeutig: Zwischen einem Bewerber mit deutschen Examina und einem ausländischen Kollegen, mögen seine Qualifikationen auch noch so hoch sein, gibt es keine Entscheidungsfreiheit.

Bei der Fulbright-Kommission, die pro Jahr zwanzig Amerikaner herüberbringt, gehen viele Anfragen ein von Austauschlehrern, die bleiben möchten. Aber das Maximum sind dort vier Jahre, und ins Beamtenverhältnis kann nur übernommen werden, wer die deutsche Staatsbürgerschaft und deutsche Examina hat. In Hamburg freilich kann, wer über die Zwei-Jahres-Frist hinaus bleiben will, einen unbefristeten Vertrag als wissenschaftlicher Angestellter abschließen. Den Fall jedoch, daß ein Beamtenanwärter, also ein Referendar, der die übliche Ausbildung durchlaufen hat, einem langjährigen amerikanischen Angestellten den Lehrposten streitig macht, verweist man in der Behörde ins Reich der Hypothese – und vertraut auf die Vernunft und Voraussicht der Planer.

Und schließlich ist die Lehrerschwemme ja auch noch nicht in Sicht. In Hamburg bemüht man sich zur Zeit um schwedische Lehrer – dreißig Kandidaten wurden bereits in die engere Wahl gezogen.