Von Friedrich Forstmeier

Zwei Verbrechen hätten Deutschlands Niedergang im Ersten Weltkrieg verursacht, behauptet Winston Churchill in seiner "Weltkrise 1914–1918": der Überfall auf Belgien und die Versenkung der "Lusitania". Churchills Mitverantwortung an dem zweiten Verbrechen versucht jetzt ein englischer Journalist deutlich zu machen:

Colin Simpson: "Die Lusitania"; S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a. M., 1973; 333 S., 26,– DM.

Der Sonderkorrespondent der Sunday Times war eigentlich ausgezogen, etwas über einen Goldschatz zu erfahren, der angeblich mit dem Riesendampfer untergegangen war. Doch wurde er in ganz anderer Weise fündig; in der Vorgeschichte zur Versenkung der "Lusitania" durch ein deutsches Unterseeboot stieß er auf "substantielle Lücken und Ungenauigkeiten". Er setzte sein ganzes detektivisches Talent daran, den Tatsachen auf den Grund zu gehen und den Nachlebenden die wahre Geschichte der "Lusitania" zu erzählen, frei von der zeitgebundenen politischen Lügenpropaganda.

Simpson enthüllt vor dem Leser ein verschlungenes Netzwerk von diplomatischen, geheimdienstlichen, wirtschaftlichen und juristischen Kabalen. Als Akteure auf amerikanischer Seite stellt er Präsident Wilson vor, Außenminister Bryan, dessen Stellvertreter Lansing, den in London tätigen Oberst House (Wilsons Vertrauten), den Botschafter in London, Sir Hines Page, den Zolleinnehmer des Hafens New York, Malone, und die Morgan-Bankengruppe; auf britischer Seite den Ersten Lord Churchill, den Ersten Seelord, Admiral Fisher, den Chef des Flottenstabes, Admiral Oliver, den Leiter der Handelsabteilung, Kapitän z. S. Webb, den britischen Marineattaché in Washington, Kapitän z. S. Gaunt, den Chef des Marinenachrichtendienstes, Kapitän z. S. Hall, und einige Randfiguren.

Als Hauptverantwortliche in dem Drama! werden Churchill und Lansing ausgegeben – Lansing, dessen merkwürdige charakterliche Ambivalenz ihn, entgegen seiner besseren Überzeugung und im Gegenspiel zu seinem Vorgesetzten Bryan, zielbewußt auf den Konflikt mit Deutschland hinarbeiten läßt, und Churchill, dem zugetraut wird, mit Menschenleben gespielt zu haben, um es zu einem Zwischenfall kommen zu lassen, der den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten auf englischer Seite unvermeidlich machen sollte.

Simpson beschreibt im Detail die Vorgeschichte, ohne die jene Schiffskatastrophe, bei der fast 1200 Menschen ertranken, gar nicht verständlich wäre. Im November 1914 hatte die britische Regierung ihre "Hungerblockade" gegen Deutschland verhängt; sie hätte außerdem zur Bekämpfung deutscher Hilfskreuzer Handelsschiffe umgerüstet und bewaffnet, die dann als Transportschiffe für Truppen und Kriegsmaterial eingesetzt wurden. Die Kapitäne dieser Schiffe hatten Befehl, deutsche U-Boote anzugreifen.