Jenseits von Gut und Böse – Seite 1

/ Von Robert Lucas

Wer annimmt, daß ITT bloß der Welt der Telekommunikation angehört, läßt sich durch den Namen des Konzerns International Telephone and Telegraph Corporation irreführen. ITT verkauft nicht nur Anlagen der Nachrichtenübertragung. Sie verkauft alles: von Elektrogeräten bis zu Versicherungspolicen, von Zellulose bis zu Schokoladentorten, von Feuerlöschgeräten bis zu Kosmetika und Schulbüchern. Sie betreibt Hotels, Mietwagen und Parkplätze. ITT ist der größte amerikanische Konzern in Europa, wo rund vierzig Prozent seiner Interessen konzentriert sind und etwa die Hälfte seiner 400 000 Lohnempfänger arbeitet; die Bundesrepublik ist der wichtigste Stützpunkt. In Amerika ist ITT in Skandalaffären von ebenfalls gigantischen Ausmaßen verwickelt.

Der englische Journalist Anthony Sampson, der seine Spürnase schon in seinem Bestseller Anatomy of Britain bewies, hat ein faszinierendes Buch über die geheime Geschichte der ITT geschrieben:

Anthony Sampson: "Weltmacht ITT. Die politischen Geschäfte eines multinationalen Konzerns"; Rowohlt, Reinbek 1973; 285 S., 28,50 DM.

Die Namen zweier Finanz- und Organisationsgenies sind unlösbar mit ITT verbunden (wobei das Wort "Genie" keinerlei moralische Wertung ausdrückt!): Sosthenes Behn und Sydney Harold Geneen. Behn war der Gründer des Konzerns und dreißig Jahre lang sein allmächtiger Boß. Er war dänisch-französischer Abstammung, ein abenteuerlicher Freibeuter, dem 1920 so von ungefähr ein winziges Telephonunternehmen in Puerto Rico in den Schoß fiel. Das war, wiewohl nicht einmal der dynamische Behn es voraussehen konnte, der Beginn von ITT. Er war aber weitblickend genug, die Entwicklungsmöglichkeiten des neuen Spielzeugs zu erkennen.

1925 schloß Behn ein geheimes Kartellabkommen mit AT & T, durch das diesem Unternehmen die USA als Interessensphäre und ITT das Auslandsgeschäft gesichert wurde. Einige Jahre später war Behns Konzern einer der Industrie-Giganten, die das Telephonempire Europas und Lateinamerikas unter sich teilten (Siemens, Ericson und General Electric waren die anderen). In Deutschland war ITT durch die Standard Elektrizitäts-Gesellschaft (SEG) und Lorenz vertreten.

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1933 war Sosthenes Behn der erste amerikanische Industrielle, der von Hitler in Berchtesgaden empfangen wurde. Die Begegnung hatte weitreichende Folgen. Der Bankier Kurt von Schröder bekam eine Spitzenposition in der SEG, sicherte von nun an die Interessen der ITT im Dritten Reich und brachte Behns Unternehmen enorme Rüstungsaufträge. Durch Vermittlung des Luftwaffenchefs Göring erwarb Lorenz (und damit ITT) einen 28prozentigen Anteil an den Focke-Wulf-Flugzeugwerken.

Der Kriegsausbruch beeinträchtigte die profitable Geschäftsverbindung in keiner Weise. Im Gegenteil. Im Frühjahr 1940 erschien Dr. Gerhardt Alois Westrick als Gast der ITT in New York. Er war Behns persönlicher Repräsentant im Dritten Reich und, wie sich bald herausstellte, gleichzeitig der Emissär des Reichsaußenministers von Ribbentrop. Selbst nach dem Kriegseintritt Amerikas dauerte die liebevolle Zusammenarbeit zwischen ITT und den Nazis weiter an. Durch seine Unternehmen in der Schweiz und in Spanien belieferte Behn Hitlers Wehrmacht mit elektronischen Geräten und wichtigen Rohstoffen; die New Yorker ITT-Bosse hielten im neutralen Madrid vertrauliche Konferenzen mit ihren Nazi-Gegenspielern ab und stellten ihnen amerikanisches Know-how zur Verfügung. Die Zusammenarbeit zwischen ITT und Hitler-Deutschland hatte aber noch weitere Dimensionen. In Brasilien und in Peróns Argentinien unterhielten Nazi-freundliche Direktoren der ITT-Unternehmen engen Kontakt mit den Vertretern der Achsenmächte. Die Abfahrt jeden Handelsschiffes aus Buenos Aires war, ehe es noch vom Horizont verschwunden war, bereits in Berlin bekannt.

Man muß fair sein: Sosthenes Behn machte nicht nur mit dem Feind Geschäfte, er tat auch seine patriotische Pflicht und verdiente am amerikanischen war effort. In den ITT-Laboratorien in den USA wurden neuartige Detektorgeräte zum Aufspüren der deutschen U-Boote entwickelt. Anthony Sampson bemerkt trocken: "Während Focke-Wulf-Kampfflugzeuge der ITT alliierte Schiffe angriffen und die ITT deutsche Unterseeboote mit Informationen versorgte, retteten ITT-Detektorgeräte andere Schiffe vor den Torpedos."

Wurde Behn wegen Landesverrats vor ein amerikanisches Gericht gestellt? Im Gegenteil: er wurde nach Kriegsende mit dem höchsten amerikanischen Orden ausgezeichnet, der Zivilpersonen verliehen wird. Er verfügte eben nicht nur über mächtige Freunde im Pentagon, sondern auch dank seiner internationalen Verbindungen über einen privaten Spionagedienst, dessen Nützlichkeit in Washington hoch eingeschätzt wurde.

Nach Kriegsende wechselte Behn chamäleonartig seine Farbe. Er bekannte sich als leidenschaftlicher Verteidiger der Demokratie. In der Uniform der Sieger fuhr er in einem Jeep auf den Spuren der amerikanischen Panzer, um die ITT-Fabriken in Westeuropa zu inspizieren und wieder in Gang zu bringen. 1967 brachte Behns Nachfolger Harold Geneen das Kunststück zustande, von der amerikanischen Regierung 27 Millionen Dollar als Wiedergutmachung für Kriegsschäden zu erhalten, fünf Millionen davon für die Schäden, welche die Focke-Wulf-Werke als "amerikanisches Eigentum" durch die Bomben alliierter Flieger erlitten hatten.

Behn war ein Raubritter der internationalen Wirtschaft, ein Mann mit Charme und schallendem Gelächter, ein Konquistador mit einer natürlichen Affinität zu Diktatoren wie Perón und Franco: Geneen hingegen, der 1956 die Leitung der ITT übernahm, ist ein fleischgewordener Computer, ein Superbuchhalter mit immensem Machtwillen. Er wurde vor 62 Jahren in England geboren, aber nur seine Mutter war Engländerin, sein Vater, ein kleiner Konzertimpresario, war Russe. Auch er weiß, so wie Behn es wußte, daß die Welt käuflich ist, und er macht von diesem Wissen reichlichen und unheimlichen Gebrauch.

Unter Geneens straffer Führung wurde ITT zu einem unersättlichen Moloch. Er verschlang ein Kunterbunt von Unternehmen, die mit dem ursprünglichen internationalen Telephongeschäft unmöglich auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, sind. Eine Kette von Fusionen brachte ihm Avis Rent-a-Car (110 000 Mietwagen in 98 Ländern), die größte Siedlungsbaugesellschaft (Levittown) und das bedeutendste Bäckereiunternehmen: der Vereinigten Staaten, außerdem, die rasch wachsende Kette der internationalen Sheraton-Hotels.1969 war ITT ein Konglomerat von 331 Konzernen mit 708 Tochtergesellschaften. Sie besaß Fabriken in 27 Ländern und operierte in siebzig Staaten. Sie ist bei weitem der größte Telekommunikations-Konzern in Europa, doppelt so groß wie sein nächster Rivale, Siemens. In der Liste der Präsidenten, Vizepräsidenten, Aufsichtsratsvorsitzenden usw. findet man Namen wie Eugene Black, den ehemaligen Präsidenten der World Bank, John McCone, Ex-Chef des amerikanischen Geheimdienstes CIA, den gestorbenen norwegischen Außenminister und Generalsekretär der Vereinten Nationen, Trygve Lie, den gestorbenen ehemaligen Nato-Generalsekretär Paul-Henri Spaak, den seinerzeit britischen Botschafter in Washington, Lord Caccia, usw.

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Anthony Sampson ist kein fanatischer Kritiker multinationaler Großkonzerne. Er weiß und akzeptiert, daß Profit die Triebfeder des Kapitalismus ist, und ITT ist nur ein Beispiel der letzten Entwicklung des Systems. Sie ist auch keineswegs der größte dieser Giganten, in der Welttabelle steht sie an elfter Stelle. Bemerkenswert an ITT ist nur das Tempo ihres Wachstums und die Skrupellosigkeit ihrer Methoden,

ITT führte einen verzweifelten Kampf, um zu verhindern, daß die bedeutendste ihrer Eroberungen, die Erwerbung der riesigen Versicherungsgesellschaft Hartford Fire Insurance Corporation, als gesetzwidrig erklärt würde. Geneen gewann den Kampf. Die Kosten waren relativ gering, sie bestanden hauptsächlich in einer Garantie von 400 000 Dollar für die Abhaltung der Republikanischen Konvention 1972 in San Diego, auf die Nixon großes Gewicht gelegt hatte. In den darauf folgenden Ermittlungen des amerikanischen Senats war der Geruch der Korruption ebenso penetrant wie später in der Watergate-Affäre, auch viele der Akteure waren dieselben: von Präsident Nixon über den ehemaligen Generalstaatsanwalt John Mitchell, den Ex-Justizminister Kleindienst, Nixons Rechtsberater John Dean, seinem Stabschef Bob Haldeman bis zum Vorsitzenden des Senatsausschusses, Ervin.

Gleichzeitig mit dieser innenpolitischen Affäre entwickelte sich ein internationaler Skandal mit explosiven Möglichkeiten in Chile, als ITT versuchte, in Verbindung mit der CIA die Wahl des Marxisten Allende zum Präsidenten zu verhindern. Der Konzern riskierte eine Million Dollar für Bestechungen, Sabotage im großen Stil und den (zunächst mißlungenen) Versuch eines Militärputsches. Die Enthüllung des Komplotts trug wesentlich zum Wahlsieg Allendes bei und führte zur entschädigungslosen Enteignung der höchst profitablen ITT-Unternehmen in Chile.

Es handelte sich um einen eklatanten Fall des zynischen Doppelspiels der ITT. Während Geneen seinen "Kreuzzug gegen die rote Gefahr" in Chile führte, verhandelte eine ITT-Delegation in Moskau mit einem Team des sowjetischen Staatsausschusses für Wissenschaft und Technik. Die Russen zeigten sich sehr interessiert. Ideologie hin, Ideologie her – eine Allianz zwischen der UdSSR und der ITT, eine Hochzeit der wirtschaftlichen Monolithen hüben und drüben ist offensichtlich ganz nach ihrem Geschmack.

Sampson bezeichnet ITT als "eine Karikatur und nicht als ein typisches Beispiel" der multinationalen Großkonzerne, die in den letzten zwei Jahrzehnten ein so erstaunliches Wachstum erlebt haben. Ob es sich tatsächlich um eine Karikatur oder um einen extremen Fall handelt, läßt sich mangels genauer Vergleichsmaßstäbe nicht sagen. Die globalen Konglomerate mögen ihre Vorteile haben. Aber die Gefahren dieser supernationalen Großmächte werden durch Sampsons fesselnden Bericht sonnenklar: sie sind imstande, sich über die Interessen und Gesetze ganzer Staaten hinwegzusetzen, ungeachtet aller Kontrollen Kapital über Staatsgrenzen zu verschieben und ungeheure Profite dem Zugriff der Steuerbehörden zu entziehen, wobei der Obskurantismus ihrer Buchhaltung jeden klaren Einblick in ihr Geschäftsgebaren verhindert. Und wer so naiv ist anzunehmen, daß die internationale Verflechtung von Wirtschaftsinteressen unter allen Umständen den Frieden stärkt, wird durch ITT eines Besseren belehrt.