Warum sollen nur die in Mannheim verdienen? fragte man in München. Warum soll nur das Bibliographische Institut mit seinem "Duden" vorschreiben, wie man richtig schreibt? fragte der Verlag Droemer Knaur mit scheelem Blick auf die "Duden"-Auflage, die immer noch Geheimsache ist, aber auf mindestens drei Millionen geschätzt wird.

Als Ergebnis dieser tiefschürfenden Überlegung gibt es nunmehr ein zweites deutsches Rechtschreibelexikon: "Knaurs Rechtschreibung." Auf dem Umschlag protzt es mit "über 360 000 Angaben". Wer wird’s nachzählen? Und was ist schon eine "Angabe"? "Knaurs Rechtschreibung" kennt das Wort nicht, sondern nur eine "Angeberei". Der Jury "Das Buch des Monats" war Knaurs Konkurrenzunternehmen eine Empfehlung wert: weil es "wünschenswerte Vergleichsmöglichkeiten" biete.

Zwei Rechtschreibebücher gibt es nun also. Es sind, finde ich, genau zwei zuviel.

Als im Schriftdeutsch Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch alles drunter und drüber ging und Konrad Duden noch ein Schleizer Gymnasialdirektor war und kein Markenname, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als dem Durcheinander mit einer normierenden Wörterliste zuleibe zu rücken. Aber seit diese 1901 von Amts wegen zur verbindlichen Vorschrift aufrückte und sich daraufhin innerhalb kürzester Zeit im ganzen deutschen Sprachgebiet eine Einheitsschreibung durchsetzte, sollte sich ein deutsches Wörterbuch eigentlich durch das auszeichnen, was es zusätzlich zum bloßen Richtig-Schreiben der in ihm verzeichneten Wörter zu bieten hat. Als erklärendes Wörterbuch verfuhr der "Duden" aber immer halbherzig.

Ein Beschluß der Kultusministerkonferenz von 1955 hat die im "Duden" festgeschriebenen Rechtschreiberegeln von 1901 für weiter maßgebend erklärt und die Duden-Redaktion beauftragt, sie sinngemäß auf alle seitdem dazugekommenen Wörter anzuwenden. Die Knaur-Redaktion konnte also zwangsläufig keine irgendwie geartete Alternativ-Orthographie offerieren; im wesentlichen bringt sie den "Duden" noch einmal, nämlich achthundert Seiten voll richtig geschriebener Wörter, mit all den Mysterien der deutschen Orthographie, nachzuschlagen etwa unter "Auto und radfahren", "rad- und Auto fahren", "Schi und eislaufen", "eis- und Schi laufen".

Natürlich sind es beides ordentliche Bücher, und vergleichen kann man auch, sofern man Lust hat. Das Toiletten wort für das weibliche Geschlechtsorgan fehlt in beiden. Was "happy" und "groovy" ist, erklärt keins. Für den "Knaur" ist "Sozialismus": "Bewegung zum Umsturz oder zur Umgestaltung der kapitalist. Staats- und Wirtschaftsordnung." Der "Duden" sieht ihn in günstigerem Licht: "Eine im Gegensatz zur liberalen Gesellschafts- u. Wirtschaftsordnung entstandene Bewegung zur Sicherung der Freiheit und des Glücks des einzelnen..." Dafür läßt er, anders als der "Knaur", den Kommunismus gänzlich Undefiniert. Kurz, als erklärende Wörterbücher sind beide von begrenztem Wert.

Dazu reicht es bei den rührigen deutschen Verlagen gerade: sich gegenseitig bei etablierten Artikeln Marktanteile abzujagen. Auf den Gedanken, sie (sagen wir: die Verlage Bertelsmann, Bibliographisches Institut, Brockhaus, Droemer Knaur, die alle ihre eigenen, begrenzt brauchbaren Wörterbücher herausgebracht haben) könnten sich zusammentun, um endlich ein richtiges großes deutsches Wörterbuch in Angriff zu nehmen, "das" deutsche Wörterbuch, etwas wie das "Oxford English Dictionary" oder den "Webster" oder das in der DDR begonnene, darauf kommen sie nicht.