Norman Mailer: „Marilyn Monroe“, eine Biographie, mit Photos der berühmtesten Photographen der Welt, aus dem Amerikanischen von Werner Peterich; Verlag Droemer Knaur, München, 1973; 261 S., 58,– DM

Der Zusammenprall der Stars zeitigte bisher die standesgemäßen Folgen: Vorabdrucke und Publikation in zwölf Ländern; Startauflage in den USA 285 000, in Deutschland 20 000 Exemplare; das mit knapp 20 Dollar teuerste Buch, das bisher jemals erster Vorschlagsband des Book-of-the-Month-Club war, hierzulande wird der „Deutsche Bücherbund“ dafür sorgen, daß die Monroe auch auf die Dörfer kommt; Schadensersatzklage auf 6 Millionen Dollar’von Maurice Zolotow, Verfasser der 1960 erschienenen Biographie „Marilyn Monroe“, der Mailer vorrechnet, er habe rund viermal soviel aus seinem Buch direkt und indirekt abgeschrieben, wie vertraglich zwischen den Verlagen vereinbart war; Feststellung Mailers, daß Zolotows Sechs-Millionen-Klage keine 60 Cent wert sei und Drohung mit einer Gegenklage für den Fall, daß Zolotow den Vorwurf des Plagiats nicht zurücknimmt; finanzielle Nachforderungen und Androhung einer Einstweiligen Verfügung gegen Mailers Buch in England von Fred Lawrence Guiles, einem weiteren von Mailer fleißig benutzten und, wie Guiles jetzt findet, hinters Licht geführten Marilyn-Biographen. Nur Miller hat, außer einer Mißfallenskundgebung unter der Hand, bisher nicht mitgespielt. Und mit ihm hätte Mailer sich gewiß gern auf offener Straße geprügelt.

Viel Lärm also worum?

Wem unter der Hand und über der Woche ein Essay zu einem Buch wird, der muß hoch ansetzen. Und nachdem Mailer mit Hilfe kabbalistischer Buchstabenspiele schon seine schicksalhafte Prädisponiertheit für Marilyn Monroe nachgewiesen hat, nennt er sein dieser Höhenlage entsprechendes Ziel als Schriftsteller. Die „Grenzen der konventionellen Betrachtungsweise“ üblicher Biographien überwindend, will Mailer eine „Art von Roman nach den Regeln der Biographie“ schreiben in der Hoffnung, so „eine literarische Hypothese einer möglichen Marilyn Monroe anzubieten, die tatsächlich gelebt haben könnte und zu der die meisten der vorhandenen Tatsachen passen würden“. Ein solches Werk kann nicht von einem Biographienverfasser im üblichen Sinne geschrieben werden, nicht von jemandem, der fragwürdige und irrelevante Anekdoten durch schriftliches Repetieren authentisch macht, nicht von jemandem, der „Faktoide“ für Fakten ausgibt. Dieses Wort „Faktoid“ ist eine sehr schöne und treffende Prägung von Mailer. Daß besonders die bisherigen Marilyn-Biographen, von denen Mailer zugegebener- und nicht zugegebenermaßen, mit und ohne Honorierung abgeschrieben hat, daß also besonders diese Herren Faktoiden-Händler ersten Ranges sind, versteht sich von selbst.

So nähert sich Mailer, teils hypertrophisch bramarbasierend, teils brillant präludierend, seinem Thema, schreibt sich selbst das Vorwort, mit dem er sich nicht begnügen wollte. Und läßt dann Marilyns Geschichte so beginnen: „Sie wurce am 1. Juni morgens um halb zehn geboren – eine leichte Geburt, die leichteste der drei Entbindungen ihrer Mutter.“

Dieser Satz ist, vom Datum abgesehen, ein doch wohl klassisches Beispiel für ein Faktoid: von dünner Authentizität und opulenter Bedeutungslosigkeit. Was Mailer dann auf den folgenden 240 Seiten ausbreitet, ist zu großen Teilen von ähnlicher Beschaffenheit, eine Sammlung von Konjekturen, Details aus dritter Hand, handgestricktem Humbug. Ob es um das Baby Marilyn geht (unehelich geboren, die Großmutter und Mutter sind geistesgestört); oder das Kind (es wächst teils bei fremden Familien, teils im Waisenheim auf); oder das Mädchen (mit 16 heiratet sie zum erstenmal); oder Marilyns Karriere (vom Modell über die kleine Charge zur großen Filmschauspielerin, die in „Gentlemen Prefer Blondes“ zum erstenmal zu sehen ist); oder ihr Ende (der Tod durch Einnahme einer Überdosis von Barbituraten wurde am 5. August. 1962 festgestellt): Mailer zerdehnt diese Fakten, die als solche schon schwer genug wiegen, zu einem teils abenteuerlichen, teils peinlichen Konglomerat von Dichtung und Wahrheit.

Dank wahlverwandtschaftlichem Phantasieren und mit Hilfe der von ihm geschmähten Faktoiden-Kolporteure weiß Mailer genau, was das Baby empfand, als die Großmutter ihm eines Tages ein Kissen ins Gesicht preßte, und natürlich noch genauer, welcher ihrer drei Ehemänner und diversen Außer-Ehe-Männer der Monroe sexuell etwas bedeutete und welcher nicht. Und auch mit dem Selbstmord möchte Mailer sich nicht einfach zufriedengeben. Mit Hilfe des Telephonamts von Santa Monica, zugezogenen Schlafzimmervorhängen und einer Flugreise von Robert Kennedy bietet Mailer auch eine Mordvariante an. Diese wiederum ist ihm nicht wichtig im Zusammenhang einer Wahrheitsfindung, sie ist vielmehr, genau wie all die anderen großen und kleinen Spekulationen, ein Teil des Mythos, den Mailer als Krönung seiner Arbeit und ultima ratio seiner Begegnung mit Marilyn Monroe dann schnell entschlossen aus dem Ärmel schüttelt. „Um sie überhaupt zu erklären, wollen wir uns an die Idee des Karmas halten“, hatte er am Anfang empfohlen, zwischen dem Stellenwert der unehelichen Geburt und der Wiedergeburt noch schwankend.