Zum fünfundzwanzigsten Mal: in Frankfurt die Buchmesse

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeichnete die Studie, die dem Wachstum Grenzen empfiehlt, mit dem Friedenspreis aus und registrierte das bisher unaufhaltsame Wachstum der Buchmesse: 3814 Verlage aus 59 Ländern zeigten diesmal 248 000 Bücher, Zustrom und Rückstrom der Aussteller und Besucher brachten den Frankfurter Verkehr zum Stillstand. Für die ZEIT sahen und hörten sich um: Wolf Donner, Heinz Josef Herbort, Petra Kipphoff, Rolf Michaelis und Dieter E. Zimmer.

Über allen Kojen ist Ruh’

Die Turbulenzen, die die Buchmesse noch vor wenigen Jahren erschütterten, diese Demonstrationen, Resolutionen, Vollversammlungen, Prügeleien, die die Messe tatsächlich dem Zusammenbruch nahebrachten und symbolisch darauf hinzudeuten schienen, daß noch ganz andere Einrichtungen als die Buchmesse nicht ewig sind (während sich doch nur das schlechte Gewissen und das Bewegungsbedürfnis einer gesellschaftlichen Randgruppe abreagierte): sie sind, im Frankfurt des Jahres 1973, nie gewesen.

Eine politische Rede des Bundeskanzlers zur Eröffnung (über den Nahost-Krieg, nicht, wie geplant und entworfen, über die Kommerzialisierung des Buchmarkts und die prekäre Stellung des Autors), langweilige, aber hochpolitische Reden in der Paulskirche: Schon Nebensätze hätten vor drei, vier Jahren tumultuarische Folgen gehabt, die kein Messerat (er ist endgültig entschlafen) mehr beschwichtigt hätte.

Diskussionsveranstaltungen vor ein paar Jahren gehörte fast Todesmut dazu, sie anzuberaumen; in knisternder Atmosphäre donnerten die Proteste, säuselten die Wehklagen, und alles, jeder Ausgang schien möglich. Virtuosen der provokanten Rede und des beschwichtigenden Lavierens erblühten in der Nähe der Saalmikrophone – wo sind sie abgeblieben? Wenn der Luchterhand Verlag zu einer Diskussion über das den seriösen Linken doch so naheliegende Thema der Medienpolitik einlädt; wenn Günter Wallraff und Bernd Engelmann gegen zwei mächtig echauffierte Arbeitgebervertreter über das Thema der Themen („Sozialpartner oder Klassengegner?“) antreten und beide in Grund und Boden diskutieren: es vollzieht sich nur noch vor gelichteten Reihen. Der Verlag Kommunistische Texte macht eine „freche Provokation der Messeleitung“ ausfindig und schreitet dagegen mit Flugblättern ein; aber weder Anlaß (die „Provinz Taiwan“ hatte als „Republik China“ firmiert) noch Anklang rechtfertigen mehr den verbalen Kraftakt. Erbittert zankte man sich damals um die Anwesenheit von Polizei auf dem Messegelände; die nicht wenigen uniformierten und bewaffneten Polizisten auf dieser Messe, bärtig und langhaarig, sehen so aus, als wären sie die Demonstranten von einst. Niemand stößt sich an ihnen, schließlich braucht der israelische wie der arabische Stand Schutz.

Der Ausbruch damals kam nicht von ungefähr; warum er aber so plötzlich und heftig kam, ist bis heute nicht erklärt. Beunruhigender ist die Stille jetzt. Wo ist der Impetus geblieben? Wie wird er wieder hervorbrechen? „Ich glaube, es glimmen viele Lunten“, sagt der Schriftsteller Walter Kempowski.