Freiburg

Die Bulldozer regieren am Kaiserstuhl, dem Zentrum des „von der Sonne verwöhnten“ badischen Weinbaus. Sie fressen sich rücksichtslos in die teilweise bis zu 50 Meter dicke Lößlandschaft, die zu Terrassen mit 70 Metern Tiefe und 20 Meter hohen Böschungen zusammengeschoben wird. Es ist die Stunde der Rationalisierung. Durch eine großräumige Rebflurbereinigung werden hier die Grundlagen des Qualitätsweinbaus für die nächsten Jahrzehnte gesichert. Ohne die Lagen des benachbarten Tunibergs wurden bereits vier Fünftel des gesamten Rebgeländes nach dem Gesichtspunkt einer optimalen Bewirtschaftung bis an die Grenzen des technisch Möglichen umgelegt, insgesamt über 4000 Hektar, pro Hektar für rund 70 000 Mark.

Die Vielfalt wurde, wie die Planer offen sagen, in die Einmaligkeit zwar künstlicher, aber funktioneller Formen verwandelt. Nach ihrer Ansicht entstand eine Terrassenlandschaft, die in ihren großflächigen Konturen eine „durchaus ansehnliche und eigenwertige Ästhetik“ enthält.

Diese „operativen Eingriffe“, die – und das geben auch die verantwortlichen Stellen zu – „uns allen wehtun“, haben indes die Naturschützer auf den Plan gerufen. Nicht nur die von Wissenschaftlern getragene Aktion Umweltschutz, der Badische Landesverein für Naturkunde und Naturschutz und der Schwarzwaldverein mit seiner Parole „Wir wollen nicht auf Asphalt wandern“, sondern auch die staatlichen Stellen des Landschaftsschutzes weisen darauf hin, daß „mit beängstigender Geschwindigkeit und in bisher nicht gekanntem Ausmaß Stück für Stück des Kaiserstuhls in eine zwar ökonomisch rentable, aber ökologisch wie ästhetisch zerstörte Reb-Monokultur umgewandelt wird“. Und das alles mit großzügiger staatlicher Subventionierung. Die das Glück der Winzer darstellenden Terrassenbauten werden als „Sargdeckel“ bezeichnet; man beklagt die übermächtige Technik, die aus dem Kaiserstuhl einen Landschaftstorso gemacht habe. In den letzten 15 Jahren wurden hier für den Weinbau 130 Hektar Wald ausgestockt; die ursprünglich charakteristischen Hohlwege sowie die besonderen Pflanzenstandorte würden eingeebnet – und was der Klagen mehr sind.

Der Konflikt zwischen den Interessen der Winzer und denen des Umweltschutzes ist offenkundig. Zuständig für beide ist das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt in Stuttgart. Während Landwirtschaftsminister Brünner soeben noch den hohen Erholungswert des Kaiserstuhls betonte, den es zu erhalten gelte, klagen die Landschaftsschützer über die unterentwickelten gesetzlichen Möglichkeiten, ihre Interessen gegenüber denen der Weinwirtschaft durchzusetzen. Sie fordern „natürliche Formen der Umgestaltung der Landschaft“; die Planer bekräftigen, daß nur die großflächige Form der praktizierten Flurbereinigung möglich sei. Ohne Flurbereinigung müsse der Weinbau am Kaiserstuhl aufhören, die Landschaft allmählich veröden, womit auch das Ende der Erholungslandschaft gekommen wäre. Deshalb sei der Winzer noch immer der beste Landschaftsschützer. Im übrigen, sei. man .bereit, bei. der allgemeinen Planierung für „ökologische Nischen“ zu sorgen.

Die Umweltschützer wollen jedoch mehr. Sie fordern einen besonderen Landschaftsplan für den Kaiserstuhl. Bei allen Maßnahmen der Flurbereinigung sollten in Zukunft weit stärker als bisher die Belange der Landschaftspflege, der Ökologie und der Naherholung berücksichtigt werden, auch wenn dadurch die wirtschaftlichen Interessen der Winzer beeinträchtigt werden. Mit diesen; Forderungen kommen sie jedoch reichlich spät – wie übrigens das vom baden-württembergischen Ernährungsministerium in Auftrag gegebene Gutachten über die Auswirkungen der Rebumlegung im Kaiserstuhl auf die Landschaft. Der badische Weinbau, der mit seiner Zentralkellerei in Breisach, dem größten Weinkeller Europas, und dem hochentwickelten Genossenschaftswesen keine Absatzsorgen kennt, hat die Nase vorn. Und Flurbereiniger Hahlen konstatiert mit dem Stolz des Technikers: „Die Sache ist für uns gelaufen. Das dreht niemand mehr zurück.“ Hans Otto Fehr