Als feststand, daß in diesem Jahr Peter Handke den Büchnerpreis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung bekommen würde, dachte ich, man müßte nun mit dem auf seinem vorläufigen Höhepunkt stehenden Dichter ein Gespräch führen. Ich stellte mir vor, daß ich Handke nach den Stationen seines Erfolges, nach seinen heutigen Meinungen zu seinen früheren Meinungen fragen würde – daß ich also ein Interview mit ihm machen würde, welches die Entwicklungsphasen eines berühmten Mannes zum Gegenstand hätte.

Ich notierte Begebenheiten aus seinem Leben in den Notizblock, las noch einmal Handkes Bücher, stellte chronologische Tabellen auf und fuhr also gerüstet zum Wohnsitz des Büchnerpreisträgers nach Kronberg im Taunus. Ich klingelte, und auf machte kein Würdenträger, sondern Peter Handke in einem rot-weiß karierten Hemd. Ein paar Tage vorher hatte mir jemand, der Handke auf einem Illustriertenfoto gesehen hatte, gesagt, der Handke sei aber ganz schön dick geworden. Ja, dachte ich jetzt, der Handke ist aber ganz schön dick geworden. Und als wir so im Zimmer herumstanden, erzählte er, daß er gestern einen so großen Parasolpilz gefunden und heute ein Mittagessen daraus gemacht habe. Ich sagte, früher hätte ich auch gern Pilze gesammelt – ich kam mir überhaupt plötzlich ziemlich lächerlich vor mit meinen Interviewabsichten. Wir gingen dann in ein Wald-Café, ich brachte kein Wort heraus und schlang Pflaumenkuchen mit Sahne herunter. Als ich später dann doch noch das Interview mit ihm anfing, waren mir meine Fragen so peinlich, daß ich sie am liebsten noch beim Aussprechen wieder zurückgenommen hätte. Abends sahen wir das Fußballänderspiel Deutschland gegen Österreich und tranken sehr viel Wein. Am nächsten Tag verstaute ich das Tonband in meinem Koffer und fuhr zurück nach Hamburg.

Der Büchnerpreis, der Ihnen in diesen Tagen verliehen wird, ist kein Preis für genialische Debütanten, sondern eine Auszeichnung für ehrwürdige Dichter. fühlen Sie sich nicht – Sie sind jetzt 31 Jahre alt – ein bißchen früh aufs Altenteil des Klassikers gesetzt?

PETER HANDKE: Ja, wenn man durch so einen Preis völlig bestimmt wäre als Figur, dann wäre es sicher so. Aber man ist ja nicht definiert durch einen Preis.

Sie glauben also, auch als Büchnerpreisträger noch frei genug zu sein, um Gedichte, wie sie in dem Band „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ stehen – ich denke da etwa an „Die Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg“ – zu schreiben?

HANDKE: Ich würde gern noch einmal dahin kommen, solche spontanen Sachen zu schreiben, denn ich halte „Die Innenwelt der Außenwelt“ nach wie vor für eins meiner schönsten Bücher. Aber sicher werde ich nicht mehr so schreiben können. Nur hat das nichts mit dem Büchnerpreis zu tun, sondern damit, daß ich das Lebensgefühl, aus dem heraus diese Gedichte entstanden sind, nicht mehr habe.

Wirkt so viel Anerkennung – der Büchnerpreis ist ja nicht Ihr erster literarischer Orden – sich auf Ihre Arbeit eher lähmend aus, oder stimuliert sie?