Zehn Jahre lang ärgerte Günter Wallraff Konzerngewaltige, Bischöfe und Behördenchefs bis aufs Blut. Der 31jährige Kölner „Fabrik-Schriftsteller“ sammelte die Informationen für seine in mehreren Bestsellern erschienenen Reportagen als Fließbandarbeiter bei Ford, als getarnter Lakaien-Mönch beim Fürsten Ton Thurn und Taxis, als „Alkoholiker“ in einer geschlossenen Anstalt und als Bewohner eines Obdachlosen-Asyls.

Wallraff spionierte bei Flick und Krupp, Henkel und Horten und schlüpfte sogar in die Rolle eines von seinem Gewissen geplagten Napalm-Fabrikanten, um im Beichtstuhl katholische Priester auf ihre Moral zu untersuchen.

Mit einem tolldreisten Coup krönte er kürzlich seine ungewöhnliche Recherchen-Praxis. Unter falschem Namen ließ er sich in der Hauptverwaltung des Kölner, Versicherungskonzerns Gerling als livrierter Bote anstellen. Durch gezielte Provokation rüttlte er den überkommenen Privilegien der Gerlingschen Führungskaste und machte durch ein „Happening“ im luxuriösen Chefzimmer von Konsul Hans Gerling die „feudalherrliche Stellung“ (Wallraff) des Versicherungsunternehmers lächerlich.

Hatte sich die Industrie bislang damit begnügt, mit dem Versand eines Wallraff-Steckbriefs arglose Personalchefs in die Lage zu versetzen, den als einfachen Stellungsuchenden getarnten Reporter zu entlarven, reagierten nach der in den Massenmedien genüßlich kolportierten Gerling-Groteske die Herren der Industrie unerwartet heftig. In einer umfangreichen Studie mit dem Titel „Dichtung als Waffe im Klassenkampf“ disqualifizierte das Sprachrohr der Arbeitgeber, das „Institut der Deutschen Wirtschaft“, Wallraffs Veröffentlichungen als „sozialpolitische Hetze“ und „Klassenkampf-Machwerke“ und den Autor, der 1968 denmit 6000 Mark dotierten Förderungspreis von Nordrhein-Westfalen erhielt, als kommunistischen Psychopathen.

Auch außerhalb des Industrielagers fanden die zweifelhaften Recherchiermethoden des unerwünschten Reporters nicht nur Zustimmung. „Darf einer denn das“, fragte diese Zeitung schon vor Jahren, „andere täuschen, belügen und sei’s um der Wahrheit willen?“, und der Deutsche Presserat stellte, nach Wallraffs Beichtstuhl-Reportage fest, „daß diese Form der Informationsbeschaffung den Grundsätzen eines fairen Journalismus widerspricht und zu mißbilligen ist“.

Kritiker und Verteidiger, rief der Autor „kritischer, entlarvender Industriereportagen“ („Frankfurter Rundschau“) gleichermaßen auf den Plan, als er 1967 als „Ministerialrat Kröver“ vom (erfundenen) „Zivilausschuß“ des Bonner Innenministeriums von deutschen Großunternehmen telephonisch Einzelheiten über einen nicht legalen Werkschutz auskundschaftete. Wallraff: „Die Methode, die ich wählte, war geringfügig verglichen mit der Illegalität, die ich aufdeckte.“ Dennoch erstattete der damalige Innenminister Paul Lücke gegen den Schriftsteller Anzeige wegen unbefugter Titelführung und Amtsanmaßung. Das Frankfurter Schöffengericht sprach den falschen Ministerialrat jedoch frei, weil er mit seiner Berufung auf ein Informations- und Notwehrrecht einem „Tatbestandsirrtum“ unterlegen sei.

Sein jüngstes Gerling-Gastspiel will Wallraff als „Aktions-Journalismus“ verständen wissen. „Wo Untertanen am stärksten provoziert werden“, so der linke Bestseller-Autor, „ist das Lächerlichmachen eine sehr starke Waffe.“ Um an seiner Provokation ein möglichst großes Publikum teilhaben zu lassen, schleuste der zum Sonntagsdienst abgestellte Bote sogar ein schwedisches TV-Kamerateam in die Gerling-Verwaltung und machte es sich vor ihren Objektiven auf dem Schreibtisch des Konzernchefs und schwedischen Honorarkonsuls Hans Gerling gemütlich. Um das Happening vollkommen zu machen, zog er aus Gerlings Vase eine Blume und steckte sie ins Revers seiner Botenuniform.