Bis zum Verfall

Schon im Jahre 1915 beschrieb der Münchener Kinderarzt Meinhard von Pfaundler exakt die Symptome der Krankheit, die mutterlose Säuglinge befällt. Diese Beschreibung, die drei Phasen – Unruhe, Resignation, Verfall – umfaßt, gilt noch heute als vorbildlich. Pfaundler verglich auch schon die Entwicklung von Heim- und Familienkindern. Die Kinder im Säuglingsheim stammten von wohlhabenden Eltern, während die Familienkinder im Armenviertel in Elternhäusern lebten, die als sozial gefährdet galten. Die Säuglinge im Armenviertel, die mit Mutter und Geschwistern aufwuchsen, gediehen besser als die Heimkinder aus gutem Haus. Sie machten einen geistig regeren und intelligenteren Eindruck und erwiesen sich als wesentlich kontaktfähiger.

Heute, rund sechs Jahrzehnte nach Pfaundlers wenig beachteten Beobachtungen, gibt es zahlreiche Untersuchungen über Kinder, die ihre ersten Lebensjahre ohne Mutter im Heim verbrachten. Auf den ersten Blick scheint es ihnen gesundheitlich gut zu gehen. Die Medizin hat weitere Fortschritte gemacht.

Doch trotz aller Bemühungen gelingt es auch in den bestgeführten Heimen nicht, die Säuglinge und Kleinkinder sich so entwickeln zu lassen, wie das in intakten Familien der Fall wäre. Sehen nach wenigen Monaten Aufenthalt im Heim sind gefallen. Sie sind Opfer einer umfassenden Entwicklungsstörung geworden, die als „Deprivationssyndrom“ bezeichnet wird. Auf deutsch bedeutet dieser Ausdruck etwa „Krankheit durch Beraubung“. Er wurde gewählt, weil die betroffenen Kinder der entwicklungsfördernden Einflüsse beraubt worden sind, die von der Mutter oder einer anderen festen Bezugsperson ausgehen.

Ein Team der Forschungsstelle für soziale Pädiatrie an der Universität München, das seit 1967 Untersuchungen in etwa 40 Säuglings- und Kleinkinderheimen des Bundesgebiets und Westberlins vornahm, stellte fest, daß nach halbjährigen Heimaufenthalt 75 Prozent der Heimkinder erst einen Entwicklungsstand erreicht hatten, der der Hälfte ihres Lebensalters entsprach. Nur 2,6 Prozent der Kinder hatten sich altersgemäß entwickelt.

Die Rückstände im ersten Lebensjahr werden in der Regel nur von Beobachtern erkannt, die mit der normalen menschlichen Entwicklung gut vertraut sind. Mit zwei Jahren allerdings kommen auch dem Laien viele Kinder in den Heimen „sonderbar“ oder „gestört“ vor. „Diese Kinder“, berichtete Heimleiter Mehringer, „können mit zwei Jahren noch nicht laufen, kaum richtig stehen, nichts Festes essen, müssen, die natürlichen Bewegungen, das Greifen, das Spielen erst nachlernen. Sie sind beziehungslos, lehnen oft noch lange eine zärtliche Zuwendung ab, sie können nicht lachen und nicht weinen, nur schreien. Sie. sind in ihrer ganzen Entwicklung weit zurück.“

Aggressiv und brutal