Weit zurück sind die Kinder in der „statischmotorischen“ Entwicklung (in der Beherrschung ihrer Bewegungen), in der Entwicklung der Sinneswahrnehmungen und des Spielvermögens, in der Entwicklung der Sprache und des Sozialverhaltens. Mehr und mehr treten zudem Verhaltensweisen in Erscheinung, die nicht mehr nur als Entwicklungsrückstand zu betrachten sind, sondern als Fehlentwicklungen, als Verhaltensstörungen gedeutet werden müssen.

Diese Befunde wurden übereinstimmend in zahlreichen Untersuchungen erhoben. Marie Meierhofer und Wilhelm Keller vom Züricher Institut für Psychohygiene im Kindesalter, die 1966 die Ergebnisse einer umfangreichen Untersuchung in zwölf Säuglings- und Kleinkinderheimen des Kantons Zürich veröffentlichten, stellten fest: „In ihrem Grundresultat, daß die Heimkinder gegenüber den ‚Familienkindern‘ in ihrer gesamten Entwicklung im Rückstand und in ihrem Verhalten anders sind, stimmt unsere Untersuchung mit allen anderen bisher publizierten Entwicklungsstudien an Heimkindern überein.“

Die Verhaltensstörungen können von ganz, verschiedener, ja gegensätzlicher Art sein. Die Kinder: können äußerst gehemmt und apathisch sein. Ihre Passivität kann so weit gehen, daß sie schließlich in ein Heim für schwachsinnige Kinder gelangen. Andere Kinder zeigen sich sozial überaktiv. Wahllos klammern sie sich an jeden Mensehen, dem sie begegnen, ohne jedoch zu einer festeren Bindung fähig zu sein. Ein dritter Typ erscheint verhältnismäßig gut angepaßt. Diese Kinder wirken im Heim unauffällig. Eine genauere Untersuchung zeigt jedoch, daß ihre Gefühlsentwicklung wesentlich verarmt ist.

Schließlich überraschen manche Kinder schon sehr früh durch ihre Zerstörungswut und Brutalität. „Sie sind“, so beschreibt Pechstein in Übereinstimmung mit den tschechoslowakischen Sozial-Pädiatern Z. Matějček und J. Langmeier diese verhaltensgestörten Kinder, „besonders durch ihre Aggressivität, ihre destruktiven Tendenzen, Affekthandlungen und Grausamkeiten, wie das Quälen von Tieren und anderen Kindern, auffällig. Ihre primitiven Affekte werden durch Angst und Gewissen nicht kontrolliert; sie begehen Boshaftigkeiten, kennen aber weder Schande noch Schuld.“

Noch ist nicht geklärt, auf welche Weise so gegensätzliche Typen von Verhaltensstörungen unter prinzipiell ähnlichen Bedingungen entstehen. Wahrscheinlich gibt hier die Veranlagung den Ausschlag. Es leuchtet aber ein, daß derartige Verhaltensstörungen, die auch in günstigem Milieu nicht mehr ohne weiteres wieder verschwinden, alle sozialen Beziehungen schwerwiegend belasten – sei es in den Heimen, wo die Verhaltensstörungen die Atmosphäre maßgeblich beeinflussen, sei es gegenüber Adoptiv- oder Pflegeeltern, sei es in der Schule.

Bei einem Vergleich von je fünfzig Heim-, Pflege- und Familienkindern fand Annemarie Dührssen, Leiterin des Instituts für Psychogene Erkrankungen in Berlin, daß 80 Prozent, der Heimkinder den Anforderungen des ersten Schuljahrs nicht gewachsen waren (drei Viertel von ihnen waren gleich zurückgestellt worden). Bei den Pflegekindern hatten 43 Prozent Schwierigkeiten mitzukommen oder waren von vornherein nicht schulreif gewesen, bei den Familienkindern jedoch nur 15 Prozent.

Wie anhaltend die Schäden sind, die ein Heimaufenthalt in der frühen Kindheit bewirkt, zeigte schon in den vierziger Jahren der amerikanische Psychologe William Goldfarb. Er untersuchte 14- bis 15jährige Pflegekinder und verglich dabei zwei Gruppen miteinander: Während die Kinder, der einen Gruppe bis zum dritten Lebensjahr bei der Mutter gelebt hatten, waren die Kinder der anderen Gruppe in dieser Zeit in einem Heim gewesen. Jede der beiden Gruppen umfaßte 15 Kinder.