Goldfarb fand, daß unter den ehemaligen Heimkindern sechs bei anderen Kindern unbeliebt waren, unter den „Mutterkindern“ nur eines. Neun Heimkinder, aber nur zwei Mutterkinder fielen durch distanzlose Kontaktsuche auf. Acht Heimkinder (ein Mutterkind) waren furchtsam, neun Heimkinder (ein Mutterkind) sehr unruhig. Auffällige Konzentrationsstörungen lagen bei zehn Heimkindern und keinem Mutterkind vor, schlechte Schulerfolge bei allen 15 Heimkindern und einem Mutterkind.

„Es ist sicher“, betonen auch Marie Meierhofer und Wilhelm Keller in Zürich, „daß ungerichtetes Kontaktsuchen, Verharren in Protest, Kontaktmeiden, stumpfe Abkehr von Welt und Umwelt und mangelnde Fühlung mit der Wirklichkeit in der frühen Kindheit die Wurzeln bilden können für spätere – Charakterstörungen im Sinne der Haltlosigkeit, des Überwiegens von aggressiven und asozialen Tendenzen, der schizoiden Absonderung, der Hingabe- und Leistungsunfähigkeit...“

Der Dauerkonflikt mit der Umwelt erscheint bei vielen Menschen, die ihre frühe Kindheit in einem Heim verbracht haben, vorprogrammiert. Die Frage ist im Einzelfall nur noch, ob allein die ehemaligen Säuglingsheimkinder leiden oder ob sie ihrerseits ihre Umwelt an sich leiden lassen.

Es ist einerseits bekannt, daß viele Kriminelle ihre Kindheit unter erbärmlichen Verhältnissen verlebten. Andererseits sehen wir schon bei Kindern, die ihren Lebensanfang unter schädigenden Bedingungen verbrachten, Tendenzen zu Persönlichkeitsentwicklungen, wie sie später oft bei Kriminellen auffallen. Die Indizien, die für die Entstehung der Kriminalität in der frühen Kindheit sprechen, erscheinen schlüssig. Dennoch wünscht man sich Untersuchungen, bei denen das Schicksal einer möglichst großen Anzahl sowohl von Säuglingsheimkindern als auch von Familienkindern bis zum Erwachsenenalter verfolgt worden ist. Erstaunlicherweise sind derartige Untersuchungen kaum bekannt.

Wenigstens einen Anhaltspunkt gibt eine Untersuchung, die Theodor Hellbrügge in München zusammen mit der Psychologin R. Brendel unternahm. Sie ist nicht nur wegen der Seltenheit solcher Untersuchungen bemerkenswert, sondern wegen der makabren Umstände, unter denen die untersuchten jungen Menschen zur Welt kamen. Es handelt sich um Jugendliche, die im .Rahmen des nationalsozialistischen Zuchtprojekts „Lebensborn“ gezeugt und zum Führungsnachwuchs bestimmt worden waren. Nur Männer und Frauen mit besten Erbgesundheitszeugnissen waren dazu ausersehen worden, die Heime zu füllen, in denen die Elite der Nation heranwachsen sollte.

1946 begegnete Hellbrügge sechs Kindern aus diesem Projekt. Sie erschienen ihm „auffallend hübsch“. Damals waren sie eineinhalb bis zwei Jahre alt. „Bei näherem Zusehen“, berichtete der Kinderarzt, „stellte sich indessen heraus, daß keines dieser Kinder laufen konnte, einige konnten kaum sitzen. Sie konnten nicht sprechen, sie konnten vor allem nicht lachen.“ Kurz: Sie offenbarten nur allzu deutlich ihre Heimherkunft.

Jahre später bemühten sich Hellbrügge und Frau Brendel, Adressen von Lebensborn-Kindern ausfindig zu machen. Von 1962 bis 1966 gelang es, 70 Jugendliche, die ihr Leben nationalsozialistischem Rassenhochmut verdankten, ausfindig zu machen. 40 von ihnen wurden eingehend medizinisch, psychologisch und tiefenpsychologisch untersucht. Außerdem wurden alle verfügbaren Unterlagen über diese Jugendlichen studiert.