ZEJT-Diskussion

Von Harald Weinrich

Dr.Heinrich F.,Wissenschaftler,Angehöriger der oberen Mittelschicht, und die minderjährige Margarete B., die der Unterschicht angehört, zeigen beide ein charakteristisches Sprachverhalten je nach ihrer Schichtzugehörigkeit. Der Wissenschaftler aus der Mittelschicht hat ein ausgeprägtes Sprachbewußtsein, er beschäftigt sich mit schwierigen Übersetzungsproblemen und hat ein affektives Verhältnis zur deutschen Sprache, seinem "geliebten Deutsch". Er hat jedoch Schwierigkeiten, derr/Fräulein gegenüber den rechten Ton zu finden. Offenbar liegt hier eine Kommunikationsbarriere. Die genannte Angehörige der Unterschicht läßt demgegenüber keine Anzeichen eines entwickelten Sprachbewußtseins erkennen, sie ist sogar dem Angehörigen der Mittelschicht gegenüber, den sie liebt, in ihrem Sprachverhalten deutlich gehemmt: "Ich weiß zu gut, daß solch erfahrenen Mann mein arm Gespräch nicht unterhalten kann." Wir wollen noch erwähnen, daß sich dieser Fall im Hessischen zugetragen hat, wo allerdings die gesellschaftlich veraltete literarische Fallstudie aus dem Jahre 1790 bald kaum noch Chancen haben dürfte, im Deutschunterricht gelesen zu werden.

Dabei läßt sie sich ziemlich einfach interpretieren: Der Herr Doktor spricht offenbar, seiner Gesellschaftsschicht entsprechend, einen "elaborierten Kode", während sich das Mädchen Margarete, ebenfalls schichtenspezifisch, in einem "restringierten Kode" ausdrückt, was der Berichterstatter allerdings etwas elaboriert abfälscht.

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"Elaboriert" oder "restringiert", das ist hier offenbar die Frage. Die Soziolinguistik hat uns diese Frage vor ein paar Jahren gebracht. Wir können seitdem, wenn wir uns in den Bahnen dieser neuen, aus Soziologie und Linguistik gemischten Wissenschaft bewegen wollen, in der Sprache zwei, genau zwei schichtenspezifische Redestrategien unterscheiden, die eine in ihrem Kode ausgeformt, die andere beschränkt.

Der ausgeformte oder elaborierte Kode, so lesen wir in den verschiedenen Schriften des englischen Soziolinguisten Basil Bernstein und seiner Schüler, ist die Sprache der bürgerlichen Mittelschicht (von der Oberschicht ist seltsamerweise so gut wie nie die Rede), während sich die sozioökonomische Unterschicht der lohnabhängigen, handarbeitenden Bevölkerung mit den wesentlich einfacheren und dürftigeren Redestrategien des restringierten Kode begnügen muß.