Selten noch hat die Zeitgeschichte einem Theater so ausdauernd geholfen wie diesmal. Vor langer Zeit schon, vor über einem Jahr, hatte man am Berliner Schiller-Theater den Einfall, eine fünfzig Jahre alte Farce, F. Scott Fitzgeralds "Der Präsident oder Das Würstchen" aufzuführen – ein Stück über Kleinbürgertum und Politik, Politik und Korruption. Seitdem liefern die Ereignisse der Berliner Dramaturgie die glänzendsten Argumente. Nixons Watergate wurde von der dubiosen, unappetitlichen Affäre zur nationalen Katastrophe; ein Biedermann, zum Vizepräsidenten avanciert, entpuppte sich als Gauner; und hierzulande agierten die Herren Steiner, Wienand, Baeuchle als Hauptfiguren in einem kleinbürgerlichen Satyrspiel über Macht und Mammon.

Jerry Frost, ein kleiner Mann, ein "Würstchen", wird Präsident der USA, bringt Chaos und Korruption über das Land und wird zuletzt von einem "Senatsausschuß für Unfähigkeit" davongejagt: Die Politik hatte alles getan, um aus dieser drollig-bösen Farce von 1923 ein prophetisches Pamphlet über die Verhältnisse von 1973 zu machen. Doch in Berlin wurde diese Hilfeleistung zuschanden, weil ein Regisseur (Hans Hollmann) es mit heftigstem Regieeinsatz zuwege brachte, den so akut gewordenen Spaß in einen zeit- und ziellosen Jux zurückzuverwandeln.

Vielleicht verlor das Stück in Berlin deshalb alle Bosheit und Kraft, weil Hollmanns Inszenierung nicht mehr investierte als eben nur Kraft und Bosheit, weil diesem Regisseur für subtilere Attacken Nerven und Augen fehlen, weil er nicht Einsichten beschreiben, nur Ansichten plakatieren kann.

Zu beschreiben wäre gewesen: das Leben und Vegetieren eines kleinen Eisenbahnangestellten, dessen Tagesläufe eingesperrt sind zwischen einem ungeliebten Beruf und einer noch weniger geliebten Familie, einem ewig quengelnden Weib, einer törichten Gans von Schwägerin, einem über alle Maßen senilen "Oppa". Schäbiger amerikanischer Alltag also, "das Bild einer ungeheuren, gedankenlosen Langeweile" (Fitzgerald).

Wie aber soll ein Regisseur Langeweile inszenieren, der geradezu panische Angst vor Langeweile hat; wie kann kraftloser Alltag von einem Theater abgebildet werden, das ständig seine eigene extreme Kraft beweisen will und deshalb dauernd "Einfälle" auf die Bühne boxt? Wieder einmal in einer Hollmann-Inszenierung treten die meisten Figuren als Witze (manchmal glänzend erzählte Witze) auf; wieder einmal wird der gesamte Einfall, das gesamte Material zu einer Figur sofort und total präsentiert. Es ist ein Theater der schnellen und deshalb harmlosen Schocks – und somit ein Theater, das einem alle tieferen, genaueren Schrecken erspart.

Fitzgerald, der in seinen Romanen ("Der große Gatsby", "Der letzte Tycoon") vor allem die Neurosen und Zerstreuungen der Reichen und Neureichen beschrieb, Fitzgerald, der eine ebenso exzentrische wie nervenzerrüttende Ehe führte: in seiner Komödie zeigt er amerikanisches Elend und amerikanische Ehe ein paar Sozialetagen tiefer. Doch statt einer satirischen Studie über das Familienleben der (wohl damals schon) schweigenden Mehrheit sah man bei Hollmann grell aufgeputztes Grotesktheater – sah einer Aufführung zu, die in zwei weit voneinander entfernte Irrtümer auseinanderbrach. Während die Damen (Reinhild Solf und, schlimmer, Karin Remsing), von Hollmann als rundum widerwärtige Weib-Gespenster zugerichtet, das Stück herabzogen zur misanthropischen Klamotte, veredelte es gleichzeitig ein wunderbarer, doch extrem falsch besetzter oder falsch geführter Hauptdarsteller (Fritz Lichtenhahn) zur Studie eines komplizierten Charakters. Wie ein zerbrechlicher, vergreister Riesensäugling schlich er sich durch die Wohnstube, verdrehte seine Glieder zu schmerzend-schönen Jammergebilden, guckte zart, debil und weise zugleich aus traurigen Glotzaugen heraus. Ein Würstchen, elender Durchschnitt also: vielleicht kann dieser Schauspieler (der ja kein Dutzendeinfall der Natur ist, sondern eine ihrer merkwürdigsten Erfindungen) eine solche Figur gar nicht spielen – er kann es bestimmt nicht, wenn man wie Hollmann diese Seltsamkeiten auch noch inszenierend unterstreicht. Ein neurotischer Sonderling war da zu sehen, nicht der neurotische Normalfall – ein Woyzeck viel eher als ein Würstchen.

Im zweiten Akt träumt Jerry Frost, von billigem Fusel berauscht, seinen amerikanischen Traum: Er ist Präsident der USA geworden. Es ist ein Traum in Weiß – nicht nur das Weiße Haus ist weiß, alles (Bäume, Wiesen, Hunde, Uniformen) ist weiß in dieser Kleinbürgerhalluzination. Doch Jerry, dem ewigen Underdog, mißlingen selbst seine Träume. Dicht unter der Schicht von Traum und Puderzucker wird das alte, graue Elend wieder sichtbar. Familie Frost verhält sich auch als erste Familie des Landes so wie immer – genausoviel Zank, genauso giftige Weiberherrschaft. Das Würstchen bleibt auch als Präsident ein Würstchen – und so stürzt er das Land alsbald in einen Wirbel von Korruption und Schlamperei. Ein wildkomisches Happening ist dieser Traumakt: zwischen Watergate und Disneyland, amerikanischem Kitsch und amerikanischer Korruption.