/ Von Tratschke

Ist sie wirklich unsterblich, oder hat bisher nur niemand versucht, sie zu killen, die alte und so beliebte Legende von den schlechten Schülern, die es im Leben weiter bringen als die guten, braven, fleißigen? Immer von neuem wird sie aufgewärmt, und freilich darf man jenen, die sich mühsam durch die Schule quälen, nicht die Hoffnung nehmen, sondern muß sie trösten und ihnen klarzumachen versuchen, daß schlechte Noten, ja selbst das Sitzenbleiben noch keineswegs über spätere Erfolge oder Mißerfolge entscheiden.

Aber warum gleich maßlos übertreiben? Warum denn – wie es immer wieder geschieht – behaupten, daß die anderen, die von den Lehrern zu den Besten gezählt werden, sich letztlich als Versager erweisen, dann nämlich, wenn es vor allem auf praktische Intelligenz ankomme, auf Ellenbogen, aber nicht mehr auf Fleiß und ängstliches Strebertum! Oder ist es doch so, daß die Musterschüler nur deswegen so gut und gerne lernen, weil es ihnen (und das ein Leben lang) an kritischem Denkvermögen fehlt, an Rückgrat, an Initiative und Kreativität?

Da werden dann gerne Bismarck und Churchill bemüht, die wohl prominentesten Sitzenbleiben, die in ihren schulischen Leistungen eher schlecht als mittelmäßig waren. Aber wie steht es mit so vielen anderen Größen aus der Geschlecht mit berühmten Philosophen, Dichtern, Komponisten, auch Politikern und Wissenschaftlern? Kamen die meisten in der Schule nur schwer zurecht? Kein Zweifel, daß viele von ihnen sich in der Schule höchst unbehaglich fühlten, eingeengt, unterdrückt, ja vergewaltigt. Kafka zum Beispiel berichtet von Alpträumen:

„Oft sah ich im Geist die schreckliche Versammlung der Professoren..., wie sie zusammenkommen würden, um diesen einzigartigen, himmelschreienden Fall zu untersuchen, wie es mir, dem Unfähigsten und jedenfalls Unwissendsten gelungen war, mich bis hinauf in diese Klasse zu schleichen...“

Als brutale Knechtung seiner Natur empfand Rilke die Jahre auf einer Militäroberrealschule, als eine Heimsuchung ohne Maßen, und die Erinnerung daran war ihm eine „Fibel des Entsetzens“. Auch Walther Rathenau faßte die Schule als eine Zeit der Knechtschaft auf; es empörte ihn, nicht selber bestimmen zu können, wann und auf welchem Gebiet er arbeiten und lernen wollte.

Aber – was in diesem Zusammenhang fast immer verschwiegen wird – diese drei waren nicht etwa schlechte Schüler. Kafka war keineswegs unfähig und unwissend, im Gegenteil: Seine Schulleistungen waren überdurchschnittlich gut, und die Lehrer schätzten ihn. Ebenso galt Rilke als strebsam und intelligent; auch ihn schätzten die Lehrer, und sie nahmen Rücksicht auf seine Eigenart, indem sie ihm beispielsweise erlaubten, vor der Klasse seine Gedichte zu rezitieren. Rathenau zwar war zum Kummer seines Vaters (mit dem er sich nicht sonderlich verstand) über viele Jahre hin kein Musterschüler, aber kurz vor dem Abitur begann er plötzlich zu arbeiten (um dem Vater zu zeigen, was er konnte). Mit siebzehn Jahren legte er die Prüfung ab und siebzehn dann mit dem Studium. Als er, eben 22 Jahre alt, eines Tages verspätet zum Mittagessen nach Hause kam und deswegen vom Vater gerügt wurde, entschuldigte er sich mit der Bemerkung, er habe soeben seine Doktorprüfung gemacht.