Von Rolf Kunkel

Milos Forman, ein durch seine humorvollen und von feiner Ironie gekennzeichneten Filme bekanngewordener Regisseur aus der Tschechoslowakei, hatte sich etwas Besonderes ausgedacht. Er wollte seinen Beitrag zum Olympiafilm mit einem Symbol füllen, das alle Hingabe, Intensität und Trainingsmühsal eines Olympiakämpfers in sich vereint. Dabei verfiel er auf den Finger eines Schützen am Abzugshahn. Zehn Minuten sollte seine Kamera dem leichten Druck des Zeigefingers folgen, nur unterbrochen von einem gelegentlichen Schwenk auf das Auge des Wettkämpfers. Es ist nicht zu dieser Sequenz gekommen, weil schließlich auch Forman diese Szene wegen zu wenig dramatischer Substanz verwarf.

Der Vorgang ist symptomatisch für die Stärken und Schwächen des Olympiafilms. Als verantwortlichen Produzent konnte der Amerikaner David Wolter zwar acht der besten Filmregisseure der Welt verpflichten (Gesamtkosten 6 Millionen Mark) jedoch nur bei völliger Freiheit der Themenwahl. Alle acht hatten sich für einen Episodenfilm ausgesprochen anstatt eines konventionellen Dokumentarfilms, dem im Zeitalter der totalen Fernsehübertragung keine Chance mehr eingeräumt wird. Mit Ausnahme des Franzosen Lelouch, der den Grenoble-Film drehte, und des Japaners Ichikawa, der sich mit dem Tokiostreifen einen Namen gemacht hatte, standen die Filmemacher dem Phänomen Sport ohne engere Beziehung gegenüber.

Damit waren drei Voraussetzungen erfüllt: es sollte auf Seiten der Autoren genügend kritische Distanz zum Sport vorhanden sein, man wollte Distanz von einem Deutschen Team gedrehten Propagandafilm, wohl aber der Internationalität des Ereignisses mit einer Mini-Olympiade der Regisseure Rechnung tragen. Wie sieht der Filmkünstler aus Moskau, USA oder Japan die Spiele von München – das war die Devise, ohne die kleinste Auflage des Produzenten, des Veranstalters, des Gastgeberlandes. Dieser Film sollte Ausdruck der Liberalität und ein Kontrapunkt zu Leni Riefenstahls Werk über die ersten Olympischen Spiele auf deutschem Boden sein.

Spät, sehr spät fand Milos Forman sein Thema. Bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 1972 faszinierten ihn die Zehnkämpfer. In seinem Beitrag koppelt er die schier übermenschlichen zweitägigen Anstrengungen der Sportler mit den musikalischen Elementen von München. Kuhglocken verabschieden die vor Erschöpfung ins Ziel strauchelnden 1500-m-Läufer, Alphornbläser begleiten den Speerwurf, die Neunte von Beethoven das Kugelstoßen. Was dabei herauskommt, ist komisch genug, nur entspringt diese Komik nicht dem Wettkampf. Sie wird auf Kosten des Sportlers künstlich erzeugt. Die Spiele waren ein Publikumserfolg, daß der Film zumindest hierzulande keiner wird, verdankt er solchen Szenen, für die das sportengagierte Kinopublikum wenig Verständnis aufbringt. Der Film enthält alle Gags und gängigen Klischees moderner Filmkunst, er ist ein absolutes Muß für jede Filmschule, nur wiederspielt er nicht die Atmosphäre von München. Variationen über die Zuschauer fehlen ebenso wie über das olympische Dorf. Wäre es nach den Filmemachern gegangen, der Kinogänger hätte noch weniger von Olympia gesehen.

"Bonnie-und-Clyde"-Regisseur Arthur Penn wollte ursprünglich die Lebensgeschichte des im Gefängnis inhaftierten Boxers Bobby Lee Hunter filmen und dabei ganze fünf Sekunden München zeigen: Den entscheidenden, das Gefecht zwischen Hunter und seinem Gegner beendenden Schlag. Zum Glück konnte sich der US-Boxer bei den Olympiaausscheidungen seines Landes nicht qualifizieren. Notgedrungen widmete sich Penn dem Stabhochsprung. Das Ergebnis ist verblüffend: Der Amerikaner eröffnet mit Superzeitlupe und anderen Finessen aus der Trickkiste der Branche neue Dimensionen des Sportfilms, obwohl er sich nach eigener Aussage niemals zuvor mit Stabhochsprung beschäftigt hatte und auch in München kein echter Kontakt zu den Sportlern und ihrer Disziplin zustande kam. Seine zu einem Luftballett aneinandergereihten Bilder der Schwerelosigkeit sind atemberaubend. Nichts in seinem Film ist mit normaler Geschwindigkeit gedreht, Penn benutzte eine Spezialkamera, die 600 Bilder in der Sekunde liefert. Der eindrucksvollste Schnappschuß von 240 000 Metern belichtetem Filmmaterial zeigt das glücklich entspannte Gesicht des Springers im Moment der Lattenüberquerung. Ein gelungenes Dokument menschlicher Reaktion und technischer Perfektion.

Die Aufnahme steht in scharfem Kontrast zur Aussage des englischen Marathonläufers Ron Hill, der in John Schlesingers Schlußstück nach dem Mord im olympischen Dorf befragt schockierende Sätze ins Mikrophon spricht: "Die Israel-Tragödie hat mich insofern berührt, als mein Rennen um einen Tag verlegt wurde. Hätte ich mir erlaubt darüber nachzudenken, würde mich das emotional mitnehmen und ich wäre nicht mehr fähig zu laufen." Der Spitzenathlet, der sich Gefühle nicht mehr leisten kann – ein Zerrbild des Leistungssports.

Dieser Olympiafilm, es sind acht kleine Filme, war ein Versuch und damit ein Wagnis. Es gehörte Mut dazu, ihn zu befürworten und zu verantworten. Der Sport selbst ist bei diesem Experiment zu kurz gekommen. Dennoch ist die Idee keineswegs tot. Produzent Walter verhandelt bereits mit dem Organisationskomitee von Montreal. Vielleicht sehen wir 1976 von der Olympiade in Kanada eine verbesserte Version. Ohnehin wäre es vorläufig der letzte Film dieser Art. Moskau wird 1980 mit Sicherheit auf einen David Wolter, Michael Pfleghar oder Frederico Fellini verzichten.