Von Günter Herburger

Volker Vogeler, der diesen Film gemacht hat, ist mein Freund. Das ist jedoch kein Gund, über ihn zu schreiben, denn seine bisherigen Filme, drei für das Fernsehen, einer für das Kino, haben mich nicht begeistert. Sie erweckten zwar Aufmerksamkeit, entfachten auch Diskussionen in unserer faden Filmlandschaft, doch sie krankten alle, meine ich, an zu wenig Entschiedenheit. Es war nicht so, daß Bekanntes geistig neu gesehen worden wäre, was Maß gibt für ein optisches Kunstwerk.

Bei Vogelers neuem Film ist dieser seltene und auch skeptische Zuschauer tief verletzende Fall eingetreten. Die grausame Nüchternheit, bei der mitunter auch gelacht werden darf, läßt nicht mehr passiven Genuß aufkommen, sondern weckt Empörung, ruft notwendigerweise störrische Motivationen hervor, die unmittelbar nach Aktionen, also nach Verbesserung verlangen.

Fünf junge Bayern, Holzfäller, Wilddiebe, die jahrelang im Gefängnis saßen, werden über die Landesgrenze abgeschoben und wandern, was im 19. Jahrhundert üblich war, nach Amerika aus, in das Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein simpler, demnach stupender Einfall, da er erzählerisch Historie herausfordert, die auch sofort geliefert wird.

Alles ist fremd, unbekannt, verstört, macht unschlüssig, täppisch, bringt durcheinander, obwohl wir das, was die fünf Bayern erleben, zu kennen glauben, gelesen, oft gesehen haben in klassischen Western, Italo-Western, Lachsackwestern, Pomade- und Musikwestern, doch wir erleben es zum erstenmal vereinzelt und verheerend einsam, wie es eben gewesen sein muß, wenn Bayern oder Sachsen oder bettelarme Chinesen auswandern mußten, um zu überleben. Das wollten sie um jeden Preis, sonst wären sie in diesem Land der sagenhaften Möglichkeiten unter diesen schlimmen Umständen schon gar nicht angekommen.

Ich muß hoch greifen, um den Grad meiner Verstörung, nachdem ich diesen Film gesehen habe, vergleichen zu können. Es war, als hätte ich zum erstenmal „Amerika“, das nicht vollendete Buch von Kafka gelesen. Genauso verzweifelt schwankte und ruderte ich danach herum und wollte gern weinen, fand aber nur Traurigkeit und Leere, die kein Echo mehr hergaben. Wie Karl Roßmann in Kafkas Roman versuchen die bayerischen Holzfäller, Steinbruchknechte, zeitweiselang Arbeitslose in der unendlichen Weite Amerikas Arbeit zu finden, rotten sich mühsam zurecht, erschießen einen alten Indianer aus Angst, werden ausgelacht, herumgestoßen, stehen dumpf daneben, verdienen schließlich notdürftig als Latrinenleerer in einem kleinen Dorf hoch oben im dünn besiedelten Gebirge.

Klar, daß sie nichts verstehen, sich gebärden, als müßten sie ständig aus der unbekannten amerikanischen Sprache ins Bayerische zurückübersetzen. Bestürzend, wie fremd alles bleibt, da die Regeln, die dort herrschen, nicht die ihren sind, erst holpernd erlernt werden müssen.