Von Gerhard Konzelmann

Damaskus/Beirut, im Oktober

Hafes Assad, der syrische Staatspräsident, geht zu Fuß durch den alten Markt von Damaskus. Die Wagenkolonne ist in der Derwischiye-Straße zurückgeblieben, zur Omajaden-Moschee führen nur enge Wege. Es ist 6.30 Uhr morgens am islamischen Festtag al-Fitr.

Die Marktgassen im Suk Ahmidiye sind gedrängt voll; Tausende von Männern schieben sich in Richtung Moschee. Die Leibwache drängt dem Präsidenten und seiner Eskorte den Weg frei. „Hafes! Hafes! Hafes!“ hallen die Schreie vom Vorplatz der Moschee. Hafes Assad lächelt schmallippig und gezwungen. Mit Ovationen weiß er nichts anzufangen, und trotzdem lieben ihn die Händler, Arbeiter, Handwerker, Studenten und Soldaten von Damaskus. „In diesem Krieg haben wir Araber das Glück, von normalen Männern geführt zu werden, nicht von Supermännern wie Gamal Abdel Nasser!“ Dieser Satz war oft im Oktoberkrieg zu hören.

Hafes Assad, in einfacher Khakiuniform, kniet in der Moschee und spricht die Gebete. Der Fastenmonat Ramadan ist zu Ende, eine Serie von heiteren Festtagen folgt der Enthaltsamkeit. Doch Assad hat diesmal die Volksfeste verboten: Es sind erst Stunden vergangen seit den letzten schweren, verlustreichen Kämpfen bei Kuneitra. al-Fitr wird zum Arbeitstag erklärt.

Der Minister für religiöse Angelegenheiten predigt: „Wir siegen oder wir sterben, das schwören wir. Unserem Präsidenten Hafes Assad halten wir die Treue. Syrien schreibt heute die schönste Seite in seiner Geschichte. Unsere Kämpfer haben einen bewundernswerten Heroismus bewiesen. Allah wird uns den Sieg geben!“

Hafes Assad geht winkend zurück zu seiner Wagenkolonne. Dieser Mann hat keine Schlacht verloren in den Augen der Syrer. In den ersten Stunden nach dem Waffenstillstand zweifelten viele Syrer an der Klugheit ihres Führers. Mitglieder der Volksmiliz, der paramilitärischen Truppe von 100 000 Mann, fragten offen: „Warum gerade jetzt Waffenstillstand? Wir sollten doch kämpfen bis zur Befreiung des besetzten Gebiets?“ Die Syrer waren bereit, Opfer zu bringen für die versprochene Schlacht um Damaskus.