In der Nähe von München ist 65jährig Lothar Hartmann, bis vor kurzem Programmdirektor des ARD-Fernsehens, an einem Herzinfarkt gestorben. „Daß die ARD noch nicht auseinandergebrochen ist“, schrieb Dieter Ertel, „ist nicht zuletzt Lothar Hartmanns Autorität, seiner Fähigkeit, Brücken zu schlagen, wo kaum noch Ufer auszumachen sind, zu danken.“

Von der Generation derjenigen, die den deutschen Rundfunk nach dem Kriege als humanes und liberales Medium neu gegründet und die nicht gewollt haben, daß er ein Instrument parteipolitischen Machtkalküls werde, war er am längsten im Amt. 1908 in Villmar/Hessen geboren, war Hartmann Schüler von Walter Dirks und Theodor Heuss. Nach dem Kriege hat er zusammen mit Friedrich Bischoff den Südwestfunk (SWF) aufgebaut und in wenigen Jahren zu einem der am meisten beachteten deutschen Sender gemacht. Er tat das so mühelos, daß wir erst später, nachdem er 1965 nach München gegangen war, bemerkten, wie vieler Mühen es bedurfte, die von ihm gesetzten Standards zu halten. Er machte ein ausgesprochen „avantgardistisches“ Programm, aber der SWF hatte trotzdem laut Infratest den höchsten Prozentsatz aller zufriedenen Hörer innerhalb der ARD.

„Vergessen Sie nicht, daß Sie eine dienende Position übernehmen“, hatte er einmal einem seiner Nachfolger gesagt. Aber die Nachfolger haben ihn oft mißverstanden, und Lothar Hartmann mußte wieder und wieder daran erinnern, „daß man in dieser Position mit Macht oder mit paragraphierten Vorschriften überhaupt nichts ausrichten kann“.

Zwei Worte kehren in Würdigungen seiner Arbeit immer wieder: „Güte“ und „Gerechtigkeit“ – beides Vokabeln, die in der heutigen deutschen Rundfunklandschaft ein wenig anachronistisch wirken. Wo immer er von Ungerechtigkeit und Härte erfuhr, wirkte er ausgleichend und half. Das Arbeitsklima, das er im SWF geschaffen hat und das als vorbildlich gilt, war so sehr mit der Ausstrahlung seiner Persönlichkeit verknüpft, daß es innerhalb weniger Jahre, nachdem er gegangen war, verfiel. Aber auch heute noch sind der deutsche Rundfunk und das deutsche Fernsehen voll von denen, die durch Lothar Hartmanns Stil, durch seine Menschlichkeit und Geistigkeit geprägt wurden.

Joachim E. Behrendt