Von Gottfried Sello

Vicenza hat in diesem Sommer Palladio ausgestellt, das Unternehmen gedieh zu einem unbestrittenen Höhepunkt des europäischen Kunsttourismus. Die zweite große Architekturausstellung ist jetzt in Münster zu besichtigen. Sie gilt einem Mann, der für Münster ungefähr das gleiche bedeutet wie Palladio für Vicenza. Beide haben sie ihrer Stadt das Gesicht gegeben, der Stadt und der umgebenden Landschaft, soweit kann man die beiden Architekten durchaus vergleichen. Der eine baute norditalienischen Aristokraten ihre Villen, der andere Landsitze und Schlösser für den westfälischen Adel.

Johann Conrad Schlaun ist gewiß kein europäisches Ereignis wie sein italienischer Kollege Palladio. Ohne die Aktivitäten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und des Landesmuseums Münster wäre die Tatsache, daß er vor zweihundert Jahren, am 21. Oktober 1773 gestorben ist, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt worden. Was besagt es schon, daß er fünfzig Jahre lang Münsteraner Oberbaudirektor oder Oberstingenieur gewesen ist. Solche Immobilität ist für das 18. Jahrhundert durchaus ungewöhnlich. Jedenfalls hat sein künstlerischer Ruf darunter gelitten.

Respekt und Abwertung liegen dicht beieinander, wenn man ihn den letzten Barockbaumeister nennt. Es bezeichnet die Rolle des Unzeitgemäßen, der gar nicht merkt, daß die Stunde des Barock längst vorüber ist, der immer noch so weiter baut, wie er es bei Balthasar Neumann und später in Rom gelernt hat. Das Münsteraner Schloß, an dem er bis zu seinem Tod gearbeitet hat, gilt als der letzte Barockbau in Europa, die einen nennen es einen ärgerlichen, andere einen großartigen Anachronismus. Denn es gibt eben auch Fälle von Formverspätung, die man nicht negativ beurteilen kann, die sich als souveräne Freiheit gegenüber dem Zeitgemäßen verstehen lassen. Und vielleicht ist Schlaun, vielleicht ist der ganze westfälische Barock, der zeitlich der europäischen Entwicklung hinterherhinkt, ein solcher Fall. Was an dieser Architektur als rückständiges Element in Erscheinung tritt, ist schließlich nicht nur dem Baumeister anzulasten, sondern auch dem Bauherrn, ist die Rückständigkeit einer Gesellschaft, die vom Architekten verlangt, daß er ihre Wünsche, ihre Ambitionen, ihr Repräsentationsbedürfnis befriedigt.

Um die Aufklärung dieser Beziehung zwischen Architektur und Gesellschaft geht es in Münster und erst in zweiter Linie um die mehr oder weniger bedeutenden Leistungen des Provinzbaumeisters Schlaun. Hier wird ein kritisches und didaktisches Ausstellungsmodell erprobt, das den Besucher auch über die Bedingungen informiert, unter denen Architektur im 18. Jahrhundert entstanden ist. Man sieht in Großphotos die Schlösser und Herrensitze, die Schlaun für die reichen Adelsfamilien im Münsterland gebaut hat. Man sieht aber auch Aufnahmen aus den Armenvierteln der Stadt Münster, die ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammen. Die Schloßbauten werden auf Schrifttafeln ausführlich kommentiert, unter formal stilistischem wie unter soziologischem Aspekt, als "Wohnsitze der herrschenden Oberschicht, die in ihrer Architektur, in ihrer prunkvollen Ausgestaltung die gesellschaftliche Stellung der Besitzer zum Ausdruck bringen". Zwischen den ästhetisch hochqualifizierten Schloßansichten hängt das Faksimile einer Leibeigenschaftsordnung für das Erzbistum Münster, ein befremdlicher Gegenstand in einer Kunstausstellung, aber eine nützliche Lektüre für die Frage nach der Entstehung von Prunkbauten im 18. Jahrhundert. Näheres darüber kann man im Katalogbeitrag von Peter Ilisch über "Schlauns soziale Umwelt" nachlesen. Einige honorige Münsteraner fühlen sich durch solche Bilder und Texte verunsichert und beleidigt. Sie meinen, Systemveränderer seien am Werk und Marx der Leibhaftige habe nun auch schon ihr Landesmuseum okkupiert, eine lächerliche Vermutung.

Im übrigen war Schlaun durchaus nicht nur für die finanzkräftige Oberschicht tätig. Die Ausstellung bringt viele Beispiele aus seinen verschiedenen Arbeitsgebieten. Dutzende von eigenhändigen Zeichnungen vermitteln einen detaillierten Einblick in die Arbeit eines damaligen Oberbaudirektors. Er hat Straßen und Kanäle projektiert. Es existieren Entwurfszeichnungen für ein Packhaus mit Spediteurswohnung und Hebekränen. Er hat Fabriken eingerichtet, und er hat in Münster das Zuchthaus gebaut, das erst 1914 abgerissen wurde. Mit unseren Vorstellungen von Barockarchitektur hat das wenig zu tun. Diese Zweckbauten besitzen eine seltsame Modernität, ihr kühler Funktionalismus, die klar gegliederten Fassaden, der rote Backstein, den Schlaun mit Vorliebe verwendet, erinnern an den hansischen Stil, den Fritz Schumacher in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts praktiziert hat. Nur gelegentlich und mit äußerster Diskretion greift Schlaun dabei ins barocke Formeninventar, auch wenn er ein Zuchthaus baut. Ein reich gegliederter Risalit akzentuiert den Mitteltrakt über dem Doppelportal für die Gefangenen.

Die Zeichnungen, dieses lebenslange Arbeitsjournal eines Baumeisters des 18. Jahrhunderts, sind der künstlerisch gewichtigste Teil der Ausstellung. Das Landesmuseum hat seinen eigenen Bestand durch Leihgaben aus anderen Museen, Sammlungen und Bibliotheken komplettiert. Sie dokumentieren etwa hundert Baukomplexe, mit denen Schlaun in der Planung und meistens auch in der Ausführung befaßt war. Die frühen Blätter belegen seine Ausbildung, seine Herkunft aus dem römischen Barock. Der Mann, den er während seines Aufenthalts in Rom am intensivsten studiert hat, dessen Bauten er in zahlreichen Grundrissen und Aufrissen fixiert und als Arbeitsmaterial nach Hause mitgenommen hat, ist Borromini. Er hat dessen Flächenstil adaptiert, das System der aufeinander bezogenen wechselnden Blenden und Felder, und für seine eigenen Bauten ausgewertet. Borromini bleibt das Vorbild und Leitbild, selbst in einem Hauptwerk seiner reifen Jahre, dem Erbdrostenhof in Münster, der als das Bedeutendste und Eigenwilligste zu gelten hat, was Schlaun überhaupt gebaut hat, ist die Erinnerung an Borromini präsent, der immerhin schon 50 Jahre tot war, als Schlaun ihn in Rom studierte.