Von Theo Sommer

Nichts läuft den Regeln der Staatskunst so sehr zuwider wie Rechthaberei aus Nervenschwäche – zumal unter Freunden. Es wäre ein Treppenwitz der Weltgeschichte, wenn das Hauptergebnis der jüngsten Nahostkrise eine nachhaltige Entfremdung der Vereinigten Staaten von ihren westeuropäischen Partnern wäre. Die Sowjets könnten sich ins Fäustchen lachen. Wer solche Entzweiung fatal findet, sollte sich hüten, parteipolitisches Öl ins außenpolitische Feuer zu gießen.

Amerikaner wie Europäer haben sich auf dem Höhepunkt der Krise Formfehler geleistet, die ihre Diplomaten zu tiefer professioneller Beschämung veranlassen sollten. Die konzertierte Aktion der Kritik, die Präsident Nixon, sein Verteidigungsminister Schlesinger und der State-Department-Sprecher McCloskey an die Adresse der Alliierten richteten, war in einer Tonart gehalten, die zwischen ungehörig und ungezogen zu qualifizieren ist. Die auf eine öffentliche Zurechtweisung der westlichen Vormacht hinauslaufende Presseerklärung unseres eigenen Auswärtigen Amtes hatte dem freilich an Grobschlächtigkeit entsprochen – als habe Bonn die Araber nur besänftigen können, indem es die Amerikaner coram publica vor den Kopf stieß.

Hinter dem Formfehler verbargen sich gewiß auch Meinungsverschiedenheiten über die Substanz der gegenüber dem Nahen Osten zu verfolgenden Politik. Vor Versimpelungen sollte man sich jedoch hüten. Dreierlei verdient, in diesem Zusammenhang festgehalten zu werden.

Erstens: Es kann keine Rede davon sein, daß es sich bei der Krise der letzten Tage um eine rein deutsch-amerikanische Krise handelte. In Wahrheit offenbarte sich ein Dissens zwischen Washington und all seinen europäischen Freunden. Die Briten wurden gescholten, weil sie weiter ägyptische Hubschrauberpiloten ausbildeten und den Vereinigten Staaten die Benutzung ihres Stützpunktes Akrotiri auf Zypern untersagten; die Türken und Griechen, weil sie Überflugrechte verweigerten; die Holländer, weil sie sich der Unterstützung der US-Luftbrücke verweigerten; die Westdeutschen, weil sie nach Verkündung des Waffenstillstandes die Amerikaner baten, von weiteren Rüstungslieferungen an Israel aus US-Beständen in der Bundesrepublik Abstand zu nehmen – und so weiter.

Zweitens: In dem Hin und Her der Beschuldigungen und Verdächtigungen ging völlig unter, daß die Bundesrepublik, solange die Kämpfe im Nahen Osten andauerten, jedes Verständnis für den amerikanischen Versuch aufbrachte, das Gleichgewicht auf dem Kriegsschauplatz nicht aus dem Lot geraten zu lassen. Auf deutsch heißt dies: Bonn schaute zwei Wochen lang bemüht weg, als die Amerikaner von ihren Luftstützpunkten in der Bundesrepublik Kriegsmaterial nach Nahost flogen. Es verzichtete darauf, Nachforschungen anzustellen, ob es tatsächlich stimmte, daß israelische Piloten vom US-Luftstützpunkt Ramstein aus Phantom-Flugzeuge für Israel abholten. Es stellte nicht einmal die Frage, ob das Material, das da Richtung Tel Aviv verladen wurde, nicht unter Umständen – falls nämlich eine Supermacht-Konfrontation der Supermächte auf Europa übergriffe – den Nato-Verbänden fehlen würde. Erst als der Waffenstillstand abgeschlossen war, machte die Bundesregierung die Amerikaner darauf aufmerksam, daß sie nunmehr davon ausgehe, es würden vom Boden der Bundesrepublik weiter keine Waffen mehr nach Israel geliefert. Auch dies geschah erst, als die Waffenabholung – plump-provozierend durch Frachter unter israelischer Flagge – in Bremerhaven Formen annahm, die von Bonn nur als bewußter Versuch verstanden werden konnten, die völkerrechtliche Neutralität der Bundesrepublik zu kompromittieren.

Drittens: Die Nato war als Bündnis nicht am Nahostkonflikt beteiligt. Das Argument Schlesingers, das Pentagon unterhalte Truppen in Deutschland, weil die Amerikaner eine erhöhte Bereitschaft für weltweites Eingreifen verbürgen, geht am Sinn des Atlantikpaktes vorbei, dessen Geltungsbereich schließlich geographisch sehr genau begrenzt ist. Und die amerikanische Handlungsweise hat alle Vereinbarungen über gegenseitige Konsultation oder mindestens Information verletzt, die im Bündnis während der vergangenen vierundzwanzig Jahre mühselig ausgearbeitet worden sind.