Von Wolf Donner

Wenn Kritiker über Melodramen schreiben, werden sie seltsam blümerant und in der Argumentation diffus; das Genre ist nie klar definiert und fest umrissen worden, möglicherweise ist es ein Bestandteil aller guten Filme. Melodrama heißt Drama mit Musik, es bezeichnet heute triviale Konsumprodukte, Kintopp vor allem, Filme zum Seufzen und zum Schmachten. Die Beziehung zur großen Oper scheint evident: extrem künstliche Welten, meist im Bürgertum angesiedelt, die Macht des Schicksals waltet mehr rührselig als rührend und ununterbrochen, Menschen leiden unendlich; Gefühle en gros und hemmungslos, Glaube, Liebe, Hoffnung, Sehnen, die Vorsehung, Zufälle und Fatalismen, Schlüsse von gediegener Traurigkeit und vorzugsweise an Krankenbetten. Tragisches und Komisches liegen hier eng beieinander.

Als bekanntester Vertreter des Melodramas gilt Douglas Sirk. 1900 in Dänemark als Detlef Sierck geboren, studierte er zunächst Kunstgeschichte und machte Theater in Bremen, Hamburg, Chemnitz und Leipzig. Für die Ufa drehte er neun Filme, darunter „Zu neuen Ufern“ und „La Habanera“ mit Zarah Leander. 1937 ging Sierck nach Hollywood und wurde als Sirk berühmt. Er machte insgesamt 39 Filme, lebt seit 1960 im Tessin, in den sechziger Jahren inszenierte er noch einiger Male fürs Theater.

Sirk, seine Filme und das Melodram erfahren das, was man eine Renaissance oder Aufwertung nennen könnte, durch Retrospektiven (1972 in Edinburgh), ganze Kongresse (Toulouse 1971: „Die schönsten Melodramen der Welt“) und begeisterten Zuspruch junger Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, der 1971 in einer Eloge in „Fernsehen und Film“ Sirks Filme „mit die schönsten der Welt“ nannte: „... ich bin als Zuschauer mit Douglas Sirk auf den Spuren der Verzweiflung der Menschen ...

Nun kehrt Sirk auch bei uns wieder ein: Enno Patalas zeigt ab 13. November rund 25 Sirk-Filme im Münchner Stadt-Museum, und auch die ARD-Filmredaktion hat den Braten gerochen, erklärt Sirk für „bei uns noch immer unterschätzt“ und führt im gleichen Monat fünf seiner Filme gegen den populären Krimi-Freitag des ZDF ins Feld, nämlich „Die wunderbare Macht“ (2. 11.), „Hat jemand meine Braut gesehen?“ (11.11.), „Was der Himmel erlaubt“ (16.11.), „Ein Wochenende mit Papa“ (25. 11.) und „Unerschütterliche Liebe“ (30.11.). Diese Auswahl ist mindestens so unglücklich wie die der Walsh-Retrospektive der ARD, denn die berühmten Sirk-Filme wie „Summer Storm“, „Written on the Wind“, „The Tarnished Angels“, „A Time to Love and a Time to Die“ oder „Imitation of Life“ fehlen, wogegen der Regisseur selbst etwa „Unerschütterliche Liebe“ unbedeutend und in keinem Sinn seinen Film nennt, eher den der Columbia; zu dem unerträglich albernen „Wochenende mit Papa“ würde sich Sirk wohl ähnlich schwer noch bekennen wollen.

Treffen sich in Sirks Filmen zwei Menschen, so legen sie sofort über ihre Gefühle los, reden schwülstig über das, was man eh schon überdeutlich sieht; zu langen Küssen kommt es selten, weil sich die Küssenden dauernd wortreich ihres unendlichen Glücks versichern müssen. Das Leben, die Liebe, der Tod und das Schicksal, die Ehrlichkeit gegen sich selbst, der Sinn unserer Existenz, die Sehnsucht nach einem besseren Leben, Edles, Schönes, ewig Wahres werden in einem fort und in einem enorm aufgeplusterten Pathos beschworen. „Er war ein so wunderbarer Mensch“, seufzt eine Witwe, „hat soviel Gutes getan – warum, Doktor, warum?“ „Hör zu, Daddy“, schwadroniert eine Zehnjährige zu ihrem vertrottelten Vater, „du mußt dein eigenes Leben leben ...“

Dramen mit Musik. Unermüdlich schwillt, dräut, wallt und wimmert das Orchester, plündert das ganze klassische Repertoire, seichtet und kleistert alles zu, annonciert jede Schwankung am Stimmungsbarometer. Entsetzt kreischen Chor und Orchester, wenn die rettungslos Blinde in ihrem Schweizer Hotel zum Balkon tastet – da, zufällig, kommt gerade ihr Geliebter aus Amerika an, sie sinken sich in die Arme, die Violinen weinen. Als dieser Jesus bekehrt wurde, schmetterte dazu „Freude schöner Götterfunken“, und wenn er sich am Ende nicht traut, die Geliebte zu operieren, spiegelt sich der bekehrende Gottvater in der Lampe über dem OP-Tisch und redet ihm mit Halleffekt gut zu („Die wunderbare Macht“).