Werner Dollinger, Exminister und CSU-Abgeordneter im Bundestag, stellte der Regierung die Preisfrage. Er argwöhnte, die amtlich verkündeten Preissteigerungsraten blieben um fast einen Prozentpunkt hinter der tatsächlichen Teuerung zurück. Dollinger: „Welche Schritte gedenkt die Bundesregierung zu unternehmen, um so bald wie möglich die Indexwahrheit wiederherzustellen?“

Die Antwort von Staatssekretär Martin Grüner fiel eindeutig aus: Nach Uberzeugung des Wirtschaftsministeriums ist die Zusammensetzung des Preisindex der Lebenshaltung eher für zu hohe Inflationsraten verantwortlich. Denn dem amtlichen Index liegen die Verbrauchsgewohnheiten einer Durchschnittsfamilie im Jahre 1962 zugrunde – und diese Gewohnheiten haben sich in der Zwischenzeit geändert.

Daß die Bonner Ministerialen mit diesem Argument recht hatten, bescheinigte ihnen jetzt das Statistische Bundesamt. Denn nach einer Umstellung des Preisindex auf die Konsumgewohnheiten des Jahres 1970 lagen die Preissteigerungen der letzten Monate geringfügig unter den bisher bekannten Werten. Im vergangenen Monat zum Beispiel betrug die Teuerungsrate im Vergleich zum Vorjahr nach der neuen Berechnung nur 6,2 Prozent, nach der alten dagegen 6,4 Prozent.

Voreilig verkündeten nicht gerade seriöse Schlagzeilen, jetzt werde „die Inflation frisiert“.

Doch es gibt keinen Zweifel: Die Statistiker vom Wiesbadener Bundesamt nehmen es mit der Indexwahrheit sehr genau. Über zwei Jahre arbeiteten Experten daran, einen „aktualisierten Warenkorb“ zusammenzustellen, also die veränderten Ausgaben des Normalverbrauchers für Waren und Dienstleistungen zu erkunden.

Höhere Einkommen, veränderter Geschmack, neue Produkte und andere Lebensgewohnheiten sind schuld daran, daß der Warenkorb von 1962 heute überholt ist. Daß der neue Warenkorb so lange auf sich warten ließ, liegt an technischen Schwierigkeiten, an der Gründlichkeit der Statistiker, aber auch am Personalmangel im Wiesbadener Bundesamt.

Die neu berechnete magische Preiszahl war noch nicht bekannt, da witterten einige Stabilitätsfanatiker bereits Verrat. Sie unterstellten den Politikern, sie wollten mit Hilfe einer kleinen „Schönheitsoperation“ für bessere Stimmung bei den Verbrauchern sorgen. Doch solche Vorwürfe sind unberechtigt, denn es wäre absurd, den Bundesstatistikern politische Absichten zu unterstellen.