Von E. D. Schmickler

Der auch politisch motivierten Forderung „Macht das Tor auf“ kamen die Mannschaften des FC Bayern München und Dynamo Dresden 4:3 (2:3) fast uneingeschränkt nach. Die Zuschauer im Münchner Olympiastadion erlebten sieben Tore, die Journalisten auf der anschließenden „Trainerpressekonferenz“ eine Fußballkomödie bester Güte. Hauptdarsteller war der Dresdner Trainer Walter Fritzsch, der als sächsischer Gasthumorist auch bei jeder Karnevalsveranstaltung im Rheinland Erfolg haben würde.

Was war es dann bloß, was Fritzsch als eine Art Fußballkomiker in München bot? Eigentlich das, was man im hochbezahlten Berufsfußball auch in der Bundesrepublik etwas vermißt. Schlichtheit, Verzicht auf Showbeiwerk und ein Gespür für taktische Finessen ohne posaunenhafte Ankündigung. Keck, mutig und witzig, wie die Dresdner in München spielten, so präsentierte sich der Edelsachse Fritzsch als ein nüchterner Handwerksmeister des Fußballs. Seine mündliche Prüfung nach westlichen Vorstellungen bestand er bei der Pressekonferenz in München mit jener Note, die er seinen Spielern aus der Elbestadt höchst selten verleiht: Sehr gut.

Im Stil eines konservativen Schulmeisters verriet das sächsische Original: „Bei mir gibt es nach jedem Spiel Zensuren. In München schwankten sie zwischen zwei und drei.“ In einem unnachahmlichen Sächsisch schilderte der DDR-Trainer den staunenden und amüsierten Journalisten die Stationen des Erfolges seiner Mannschaft über Amsterdam oder Linz, Turin und nun München. Und so klang es dann wie aus dem Munde eines Weltenbummlers, der in sein kleines heimatliches Dorf zurückkehrt, um dem staunenden Publikum seine Erlebnisse darzubieten. Der Publikumsvergleich zwischen Turin und München lag nah. Fritzsch: „München war ein ruhiges Publikum, was denken Sie, was wir in Turin erlebt haben!“

Als Bayerntrainer Udo Lattek dem Dresdner Team zugestand, es habe wie eine echte Profimannschaft gespielt, blieb auch hier der Vergleich nicht aus. Fritzsch gab seiner kurzen und schmerzlosen Antwort durch die Mundart des Sachsenlandes eine zusätzliche Würze: „Das kann man nicht vergleichen, bei uns geht das von unten nach oben. Die Spieler kriegen kein Geld wie hier, wir müssen dafür mehr reden.“ Immerhin hatte der FC Bayern als Prämie für ein Weiterkommen im Europapokal pro Spieler 7500 Mark ausgesetzt. Die Dresdner freilich werden ebenfalls nicht leer ausgehen.

Nach der Devise „Ohne Fleiß kein Preis“ kämpften nicht nur die Dresdner Fußballer, diese Formel galt auch für den Besuch von 1000 Schlachtenbummlern aus Dresden. Die Kriterien „Fleiß, Treue und Familie“ galten als Marschroute für die begehrte Westreise. Und als die Kellnerin im Stadionrestaurant fragte „Wann kommen die Deutschen aus der DDR?“, brauchte sie nicht lange zu warten. Nachdem man sich in der Münchner Mathäser-Bierstatt bei bayrischer Blasmusik, Sauerkrautplatten und Apfelstrudel in „Geschlossener Gesellschaft“ gelabt hatte, machten sich die DDR-Fans mit gelb-schwarzen Vereins- und schwarz-rot-goldenen DDR-Fahnen im Olympiastadion deutlich bemerkbar. Mit der „Westreise“ kam für sie der Weihnachtsmann bereits acht Wochen früher als eingeplant.

Stapelte die DDR-Presse vor dem Spiel in München noch tief, so war man nach der nur 3:4-Niederlage voll des Lobes. Während das DTSB-Organ „Sportecho“ wegen des frühen Redaktionsschlusses seine Leser um Verständnis für eine 24stündige Verspätung in der Berichterstattung bat, reagierte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ pünktlich am Morgen nach dem Spiel. Kampfmoral, Selbstvertrauen und der unbedingte Einsatz bewirkten nicht nur das günstige Abschneiden in München, damit war zugleich eine gute Grundlage dafür geschaffen, durch die drei erzielten Auswärtstore das Blatt beim Rückspiel am 7. November in Dresden zu wenden, meinte das SED-Zentralorgan.