In der letzten Oktoberwoche kam es auf dem Aktienmarkt zu überraschenden Großmächte rungen. Weder der Nahostkrieg mit der Gefahr einer Konfrontation der Großmächte noch der sich verschärfende Watergate-Skandal oder der Streik in Nordwürttemberg/Nordbaden konnten den Börsenoptimismus erschüttern. In Börsenkreisen wird die Meinung vertreten, daß die deutsche Wirtschaft dem Ende des scharfen Restriktionskurses näher ist, als es die Offiziellen in Bonn und Frankfurt wahrhaben wollen. Die Etatrede von Bundesfinanzminister Schmidt, in der er noch einmal wiederholte, daß für die Bundesregierung die Vollbeschäftigung wichtiger ist als die Stabilität, hat die Hoffnung auf baldige Zinssenkungen verstärkt.

Sinkende Zinsen bedeuten – zumindest in der ersten Phase – auch steigende Aktienkurse. Die Fonds wollen unbedingt „dabei“ sein und haben in den letzten Tagen ihre Bestände angereichert. Einige Fonds-Manager blieben indessen vorsichtig. Am vergangenen Wochenende gaben sie sich bereits mit den bis dahin erreichten Kursgewinnen zufrieden und strebten erneut in die Liquidität.

An den Aktienkäufen waren auch Ausländer beteiligt, namentlich Engländer. Sie hatten bisher die ihnen gutgeschriebenen Kontingente mit schont und waren deshalb in der Lage, auch mit größeren Summen einzusteigen. Dabei bewegten sie sich auf dem gleichen Feld wie die deutschen Investoren. Sie halten Ausschau nach Unternehmen, bei denen möglicherweise auch noch für 1974 mit guten Gewinnen gerechnet werden kann.

Dabei stießen sie zunächst auf die Bankaktien. Die inzwischen erschienenen Berichte über den Verlauf der ersten neun Monate des laufenden Geschäftsjahres haben erkennen lassen, daß die Gewinne der Banken schwerlich die des Jahres 1972 wieder erreichen werden, selbst wenn sich der Abschreibungsbedarf auf Effekten bis zum Jahresende noch drastisch verringern sollte. Das Kreditgeschäft war 1973 alles andere als gut. Kommt es zu einer Restriktionslockerung, sollten aber die Erträge wieder besser werden. Und damit ist 1974 mit Sicherheit zu rechnen.

Übereinstimmend günstig beurteilen In- und Ausländer die Aktien der Großchemie. Die Oldenburgische Landesbank versichert ihrer Kundschaft, daß diese Papiere einen „beachtlichen Nachholbedarf“ haben. Früher zählten diese Papiere nach Beendigung einer Baisse-Periode jeweils zu den ersten Favoriten der Anleger. Warum, so fragt das Oldenburger Institut, soll das heute anders sein und es demnächst nicht doch zu einer Kursexplosion kommen? Tatsächlich haben sich die Kurse von BASF, Bayer und Hoechst schon recht weit von ihrem jeweiligen Jahrestiefstand entfernt.

Eine Seifenblase platzte bei den Rheinstahlaktien, die sich recht unvermittelt um 10 bis 112 Mark verbesserten. Niemand weiß so recht, warum. Gerüchte über die Wiederholung des alten Thyssen-Abfindungsangebotes zu 125 Mark wurden nie so recht ernst genommen. Schließlich wird Thyssen nicht seine Position bei Rheinstahl verstärken wollen, bevor Brüssel seine Zustimmung zur Einverleibung gegeben hat. Das wäre politisch unklug. Aber natürlich sind gewisse Spekulanten an einem höheren Rheinstahl-Kurs interessiert. Sie haben damals öffentlich davor gewarnt, daß Thyssen-Abfindungsangebot zu 125 Mark anzunehmen. Nach ihrer Ansicht war die Rheinstahlaktie runde 200 Mark wert. Sie haben zu über 125 Mark Rheinstahlaktien zugekauft und suchen jetzt Dumme, die ihnen von diesem Berg herunterhelfen.

Eine interessante Spekulation ist seit Monaten bei den Aktien des Bremer Vulkans im Gange. Der Werft geht es gut – und um dies bekannt werden zu lassen, wird keine Gelegenheit ausgelassen. Nutznießer war bisher der holländische Großaktionär Thyssen-Bornemisza. Er konnte nämlich zu hohen Kursen seine Beteiligung an der Bremer Werft über die Börse abbauen. Und auch jetzt vermutet man, daß er jede Kurssteigerung dazu benutzt, Bremer Vulkanaktien loszuwerden. K. W.