Die Kommunisten konzentrieren sich auf die Jugend und die Arbeit in den Betrieben

Von Carl-Christian Kaiser

Wenn die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) an diesem Wochenende in Hamburg zu ihrem dritten Parteitag seit ihrer Konstituierung 1968/69 zusammentritt, dann braucht sie mit sich nicht unzufrieden zu sein. Zwar ist sie nach wie vor eine Splitterpartei. Aber immerhin hat sie ihre Mitgliederzahl in den beiden letzten Jahren von 34 000 auf annähernd 40 000 steigern können; das ist mehr als die Hälfte des Mitgliederbestands, über den die KPD 1956, vor ihrem Verbot, verfügte. Was die Genossen jedoch vor allem beflügelt, ist die Tatsache, daß die meisten DKP-Mitglieder jünger als 40 Jahre sind; das Durchschnittsalter der Hamburger Delegierten liegt bei 35 Jahren. Darin sehen sie „eine Perspektive auf die Zukunft“.

Dieser Optimismus wird durch manche Wahlresultate gestützt. Zwar hat die DKP bei den Bundestagswahlen 1972 mit 0,4 Prozent der Erst- und 0,3 Prozent der Zweitstimmen noch nicht einmal einen Achtungserfolg erringen können. Auf der anderen Seite aber fällt ins Gewicht, daß sie zum Beispiel bei der Bremer Bürgerschaftswahl vor zwei Jahren bei den Jungwählern auf 9,8 Prozent kam. Und bei den hessischen Kommunalwahlen im vergangenen Herbst erreichte sie etwa in Marburg einen Stimmenanteil von 5,3 oder in Mörfelden sogar von 10,9 Prozent. Sosehr diese Ergebnisse von lokalen Besonderheiten abhängen mögen – für die Partei bedeuten sie viel. Fünf Jahre nach ihrer Gründung besitzt die DKP immerhin 79 Mandate in 49 Kommunalparlamenten und einem Kreisparlament, mit Schwerpunkten in Hessen und im Saarland.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in den Betrieben. Dort unterhält die DKP derzeit rund 450 Gruppen. Gemessen an der Gesamtzahl von rund 50 000 Betrieben in der Bundesrepublik ist das nicht überwältigend, und auch bei den Betriebsratswahlen im Frühjahr 1972 hat die Partei keinen Blumentopf gewinnen können. Unter rund 200 000 Betriebsräten stellt sie nur etwa 800, das sind, wie bei der Bundestagswahl, lediglich 0,4 Prozent. Doch immerhin werden sich unter den rund 870 Delegierten auf dem Hamburger Parteitag mehr als 130 Betriebsratsvorsitzende und Betriebsräte befinden. Auch hier sieht sich die DKP auf einer – wenngleich steinigen – Erfolgsstraße.

Das niedrige Durchschnittsalter der Parteitagsdelegierten und der relativ hohe Anteil von Betriebsräten sind ein Hinweis auf die Schwerpunkte der DKP-Arbeit. Die Partei konzentriert sich auf die Jugend und die Betriebe. Was die Jugend angeht, so spielt weniger die „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ (SDAJ) mit ihren Aktivitäten bei Lehrlingen und Jungarbeitern eine Rolle als vielmehr der „Marxistische Studentenbund Spartakus“ (MSB), der sich in den letzten Jahren zu einem der stärksten und einflußreichsten studentischen Zusammenschlüsse entwickelt hat. Er stützt sich auf nahezu 3000 Mitglieder und ist in 20 Hochschulparlamenten und 12 Studentenausschüssen (AStAs) vertreten, in denen er kompromißlos die Linie der DKP verficht.

Die Rolle des „Spartakus“ ist um so gewichtiger, als er eine Abschirmung gegen jene maoistischen und streng antisowjetischen Gruppierungen bildet, die auch von der DKP als „Chaoten“ bezeichnet und als „Spalter“ der linken Bewegung gebrandmarkt werden, weil sie mit ihren Auftritten nur Wasser auf die Mühlen des rechten Lagers leiteten. An kraftvollen Sprüchen gegen diese Gruppen mangelt es wahrlich nicht: Da ist vom „Sumpf des Anarchismus“ und von „Sektierertum“ die Rede. Freilich sind die „Chaoten“ für die DKP auch ganz nützlich: Ihr Treiben bietet um so mehr die Chance, sich als Partei mit Augenmaß und Ordnungssinn zu präsentieren. Und um diese Reputation ist es der DKP besonders zu tun.