Von Joachim Nawrocki

Berlin

West-Berlin. Hier leben 2,17 Millionen Menschen in einer Million Wohnungen, 400 000 davon haben ein Bad. 250 000 Menschen arbeiten in rund 36 Industriebetrieben. Was macht die eingezäunte Stadt mit ihrem Müll und ihrem Dreckwasser?

Jeder West-Berliner hinterläßt im Jahr 1,7 Kubikmeter Hausmüll und Straßenkehricht. Das macht, zusammen mit den Industrieabfällen, fünf Millionen Kubikmeter im Jahr: eine Menge, mit der man viermal das Berliner Olympiastadion füllen könnte. Hinzu kommen über drei Millionen Kubikmeter Schutt und Bodenaushub von Baustellen. Im Jahre 1980, so fürchtet die Berliner Stadtreinigung, muß sie fast doppelt soviel Müll beseitigen.

Die Schmutzwassermengen sind noch beeindruckender. Nicht weniger als 85 Kubikmeter Wasser verbraucht jeder West-Berliner im Jahr. Zusammen mit dem abfließenden Regenwasser sind das fast 200 Millionen Kubikmeter Schmutzwasser im Jahr. Davon fließen rund 175 Millionen Kubikmeter – teils in Ost-, teils in West-Berlin – gereinigt in Spree und Havel; der Rest verdunstet oder versickert. Diese (nicht vollständig gesäuberten) Abwässer sind fast ein Fünftel des Wassers, das die Berliner Flüsse in normalen Jahren führen, und sie müssen darüber hinaus weitere 113 Millionen Kubikmeter geklärte Abwässer aus Ost-Berlin verkraften. Der Wasserverbrauch von Industrie und Haushalten nimmt ebenfalls zu.

Mit diesen Abfallmengen könnte die Stadt allein nur auf kostspielige Weise fertig werden, denn der Platz für Müllkippen und Trümmerberge wird knapp. Die Rieselfelder und Klärwerke liegen ohnehin seit Jahrzehnten überwiegend in der Umgebung Berlins. Dabei zeichnet sich eine gegenläufige Entwicklung ab. Die festen Abfälle konnten bisher in West-Berlin untergebracht werden. In absehbarer Zeit aber wird die DDR voraussichtlich vier Fünftel davon abnehmen. Umgekehrt werden die Abwässer derzeit nur zu einem Fünftel in West-Berlin geklärt, das übrige in der DDR. Gegen Ende des Jahzehnts aber wird Westberlin fast alle seine Abwässer selber säubern können.

Beim Müll hat die Zusammenarbeit mit der DDR gerade erst begonnen. Seit dem 10. September wird direkt am Stadtrand, in Groß-Ziethen auf DDR-Gebiet, von der Berliner Stadtreinigung eine neue Mülldeponie betrieben. Die DDR hat eine Durchfahrt durch ihre Grenzanlagen geschaffen, eine Straße wurde gebaut, eine alte Kiesgrube wurde mit Lehm ausgefüttert, und jetzt bringen Fahrer mit Sonderausweis täglich 600 Fuhren Schutt, Müll und Gerümpel von West nach Ost. Dort wird der Unrat zerstampft, verdichtet und lagenweise mit Boden abgedeckt. Personal und technisches Gerät stellt Westberlin.