ARD, Sonntag, 28. Oktober: „Das Geheimnis“, von Roman Zaluski und Bohdan Ziolkowski

Arthur Schnitzler war ein großer Schriftsteller. Wie meisterlich er sein Handwerk beherrschte, verdeutlichen unfreiwillig die polnischen Autoren Zaluski und Ziolkowski bei ihrem Versuch, ein Schnitzlersches Motiv zeitgemäß zu behandeln – das Motiv vom Toten, der, am Grab als treu und gut und wahrhaftig gepriesen, sich später als treulos, ehebrecherisch und lügenhaft erwies.

Briefe bringen’s an den Tag: Die geliebte Gattin sucht Lust in einem anderen, ihrer würdigen Bett (Schnitzler: Der Witwer). Ein Tagebuch, das der Verstorbene führte, zeigt den Ehemann als Porno-Liebhaber, Hurenbode und Verführer von Abhängigen: Eine Absteige hat der Professor gemietet, Beischläferinnen katalogisiert. Dias eindeutigen Inhalts (jedoch künstlerisch wertvoll) durch den Projektor gejagt – ein Lüstling, dem die Witwe auf die Schliche kommt (Zaluski und Ziolkowski: Das Geheimnis).

In der Tat, das hätte ein reizvoller Film werden können! Der Spur des Tagebuchs folgend, entdeckt die Witwe einen anderen Mann; die Konturen des Ehebrechers verblassen; die Gestalt eines potentiellen Liebhabers – doch ach, der Gute ist tot – gewinnt an Profil; die Erzählungen der Frauen, die er verführte, lassen Zug um Zug das Porträt eines Menschen entstehen, der liebenswert und anmutig war: Warum, denkt die Witwe, mußte ich seine Ehefrau sein... und wäre, wer weiß, als Nummer achtzehn sehr glücklich gewesen? Arthur Schnitzler, vom Melodramatischen ins Komische transponiert: Es gab Ansätze in diesem polnischen Spiel, die bewiesen, wie ergiebig eine solche Umwandlung gewesen wäre. Ansätze zum Beispiel dort, wo die Matrone in Schwarz, rauchend und trinkend und augenknippernd, die künstlerisch wertvollen Dias betrachtet. Aber das wird sofort wieder verschenkt, wenn die Kamera auf den Knien der Witwe ein Buch zeigt, dessen aufgeschlagene Seite das Porträt der Mona Lisa enthält. Das soll bedeutungsvoll sein – bedeutungsvoll und tiefsinnig, wie alles in diesem Film: die trauernde Frau Professor, von drängelnden Studenten in einen Hörsaal gepreßt, in dem – ausgerechnet! – über den Begriff der Wahrheit doziert wird; die Witwe, am Familientisch den Unterschied von Sein und Schein analysierend!

Und so kam dann, was nicht ausbleiben konnte. Am Ende ihrer Besuchsrunde, die den Betrachter am Bildschirm allenfalls über polnische Wohnverhältnisse, hier und heute, belehrte, findet die Witwe neben dem Grab des Toten (auch dies ein variiertes Schnitzler-Motiv) ein reines Kind... ein Mädchen, das zunächst seine Unschuld beteuert und dann der Witwe versichert, der Herr Professor habe über die Frau Professor stets nur das Beste geäußert. Und also nimmt die Trauernde das Mädchen zu sich in Untermiete, die Fenster werden gesäubert, und als dann das Mädchen, die reine und feine Studentin, das Bild des Toten fallen läßt, da ist’s wie im Märchen: Das Glas zerspringt und mit dem Glas der Hurenbock, oh, zarte Symbolik! Die von der Pappe verdeckte Rückseite des Photos kommt wieder ans Licht, mit ihr die Widmung „Der einzig Geliebten“, und mit der Widmung der bessere Mensch. Der Tagebuchschreiber tritt ab (achtundvierzig Stunden im Bett, das Mädchen ist unersättlich), der Gatte kehrt neugerahmt auf seinen angestammten Platz zurück. Per aspera ad astra! Das Leben geht weiter! Tusch und Finale!

Wie gesagt, Arthur Schnitzler war ein großer Schriftsteller. Momos