Die Armut der ersten Nachkriegsjahre hat auf vielen Gebieten schöpferische Impulse ausgelöst. Arm waren Musiker und Musikliebhaber, denen Noten fehlten; einfallsreich war das Bemühen des Dr. Günter Henle, der mit der Gründung eines Musikverlags die Idee verband, endlich einmal korrekte Ausgaben von den Klassikern der Klavier- und Kammermusik auf den Markt zu bringen: die inzwischen berühmt gewordenen sogenannten Urtext-Ausgaben. Jetzt wurde der Henle-Musikverlag 25 Jahre alt. Und das Vierteljahrhundert-Jubiläum konnte in zwei Städten gefeiert werden: in München, dem Sitz des Verlags, und in Duisburg, wo Henle nun einmal nicht nur seine Direktoren von Klöckner-Humboldt-Deutz, sondern auch die Lektoren seiner musikalischen Produktion um sich versammelt.

So hat der Verlag, dessen Produktion zur Hälfte ins Ausland geht, Weltruf gewonnen. Er beschäftigt in München einen Stab von zwanzig Mitarbeitern, und es geht ihm wirtschaftlich gut. Dieser Umstand verführt den Verlagsinhaber um so leichter dazu, für schöne verlegerische Eskapaden und für wissenschaftlich bedeutsame Erscheinungen Geld auszugeben. Eine wissenschaftliche Unternehmung von solch einzigartiger Bedeutung ist beispielsweise der stattliche Buchband mit dem Titel „Thematisch-Bibliographisches Verzeichnis der Werke Beethovens“ von den Musikologen Kinsky und Halm, das Gegenstück zum „Kochel-Verzeichnis“ der Kompositionen Mozarts. Eine „Eskapade“, eine herrliche, aber darf man wohl nennen, was der Verlag sich zu seinem Jubiläum leistete: eine Faksimileausgabe der h-Moll-Sonate von Franz Liszt, die zugleich mit der sorgsam nach dem Autographen und der Erstausgabe edierten Notendruck erschien (Herausgeber: Ernst Herttrich).

So seltsam es klingen mag: Damals, anno 1946, hat auch in musikalischer Hinsicht zur allgemeinen Armut die Tatsache beigetragen, daß Deutschland geteilt wurde. Die großen Musikverlage und Notenstechereien hatten ja in Leipzig ihre Heimat. Und Leipzig lag plötzlich weit.

Wem aber die Bomben bei uns zulande zugleich mit dem Klavier den Notenschrank zerschlagen hatten, suchte beim Nachbarn auszuborgen, was er auf geliehenem Instrument spielen konnte. Dabei machte er dann die Entdeckung, daß gerade die Ausgaben der bekanntesten und meistgespielten Kompositionen durch Bemerkungen, Anweisungen, ja Zusätze der Herausgeber kräftig verunstaltet, sprich: „verschönt“ waren, so daß man oft vor lauter Gestrüpp die Sache selbst nur schwer erkennen konnte.

Diese Editionen waren oft von Virtuosen ihres Instrumentes besorgt worden, die in ihrer Zeit wohl auch wert waren, was sie galten. So war man dankbar gewesen, daß sie nicht nur das Praktische, nicht nur Fingersätze oder Metronom-Angaben, sondern auch das „Ihre“, das Geistige, das Modische hinzugefügt hatten: Winke zur Virtuosität, zur Romantik, zum Effekt. Zwar mögen gewisse „Studienhefte“ dabei ihre dauernde Berechtigung haben, so etwa Busonis Ausgabe des Bachschen „Wohltemperierten Klaviers“ oder Cortots Edition der Chopin-Etüden, aber die Mehrzahl solcher für ihre Zeit bestimmten „Einrichtungen“ hat es fraglos verdient, daß sie veraltete. Bestand hat nur, was auf das Original, auf den „Urtext“ zurückgeht, und dies möglichst karg, exakt, getreu.

Wahrscheinlich wäre dem Musikverlag Henle so viel verdienter Erfolg nicht beschieden worden, wenn in jener Anfangszeit nicht der Verleger alles selber am Klavier und im kammermusikalischen Zusammenspiel mit Freunden erprobt und erlebt hätte. Seine liebsten Freunde sind Musiker, Künstler vom Rang eines Serkin und Rubinstein. So ist auch sein Verlegertum mehr als Liebhaberei.

Über den Weitblick und die Unternehmungslust mag ein anderes Beispiel einiges verraten: Es gibt bisher keine Gesamtausgabe der Werke Haydns, gleichwohl gab es Ansätze dazu. Die von Henle begonnene hält im Augenblick bei Band 45; ebenso viele Bände müssen folgen.