Bad Bramstedt

Langsam wird uns die Ware zu heiß“, sinnierte der FDP-Fraktionsvorsitzende in der Stadtverordnetenversammlung des holsteinischen Kurortes Bad Bramstedt, Jürgen Koppelin. Ungeachtet böser Erfahrungen mit Giftmülldeponien in Nordrhein-Westfalen und Hessen sitzt die Stadt, deren medizinische Bäder Weltruf genießen, seit mehr als einem Jahr auf einer Waggonladung chemischen Giftmülls. Behördenträgheit und Gleichgültigkeit haben, so scheint es, dafür gesorgt, daß sich nun die Stadtväter und die zuständigen Ämter besorgt fragen müssen: „Wohin mit dem Müll?“ Eine Antwort hat es bisher nicht gegeben. Und so beherbergt denn seit zwölf Monaten die Garage des Klärwerkes Pharmazeutika statt Fahrzeuge und der Spind des örtlichen Polizeipostens Arsene, Opiate und Gifte.

„Wir können überhaupt nichts machen“, beschwert sich Bürgermeister Endrikat. Er sei mehrmals bei den zuständigen Referenten des Kieler Landwirtschaftsministeriums gewesen und habe dort die lakonische Antwort erhalten, daß man dort auch nichts für ihn tun könne.

Helfen will jeder, doch es geschieht nichts, weil niemand, zumindest offiziell, weiß, wem der gefährliche Abfall eigentlich gehört. Freilich gibt es Anhaltspunkte, wer der rechtmäßige Besitzer ist. Am 7. August 1972 entdeckten Bauarbeiter die Chemikalien bei Abbrucharbeiten des „Köhlerhofes“, eines unbewohnten Bauernhauses. Bis dato jedermann frei zugänglich, hatten die Bestände zwanzig Jahre lang in der Scheune „Am Ochsenberg“ gelagert. Es wurde schnell ermittelt, daß die Lagerreste offenbar der ehemaligen Flensburger Pharmaziefirma Fallandt gehören mußten. Der vor zwanzig Jahren nach Bad Bramstedt ausgelagerte Betrieb war schnell in Konkurs gegangen und sein giftiger Besitz in Vergessenheit geraten. Nachdem der Fund zunächst provisorisch „in Sicherheit“ gebracht worden war, wurde der ehemalige Firmenchef ausfindig gemacht. Auf Vorwürfe reagierte er seinerzeit ziemlich giftig und wartet seither offenbar nicht zu Unrecht in Ruhe das Verfahren zur Eigentumsermittlung ab. Ein gegen ihn gerichtetes Bußgeldverfahren stellte das Amtsgericht Bad Segeberg „mangels Verschuldensnachweis“ (Bürgermeister Endrikat) ein.

Und so sitzt denn der Kurort auf seinem Giftberg wie auf einem Pulverfaß. „Ein gutes Gefühl haben wir nicht gerade“, versichert der Bürgermeister, der im Gegensatz zu den Freien Demokraten der Landesregierung kein Verschulden unterstellen will. Freidemokrat Koppelin indes („Es ist unerträglich, daß nichts geschieht“) zeiht den schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsminister Engelbrecht-Greve zumindest einer Mitschuld. Nach seiner Meinung hat der Minister das Giftmüllproblem im Parlament „nicht gründlich genug“ behandelt. Zwar habe Engelbrecht-Greve recht, wenn er auf die Überwachung der Abfallbeseitigung nach den Vorschriften des Bundes- und Landesrechts hinweise (danach sind weitgehend die Kommunen zuständig), doch der Stadt sei damit wenig gedient. Das Land solle jetzt schnell und unbürokratisch eingreifen, um Schlimmeres zu verhüten.

Das versprach denn auch der für Landschaftsschutz und -pflege zuständige Minister für den Fall, daß „der Eigentümer in absehbarer Zeit nicht ermittelt werden“ könne. Womit formal alles getan zu sein scheint, die Stadt jedoch so schlau wie vorher ist; ungefährlicher wird die Affäre ganz gewiß nicht, auch wenn in Bad Bramstedt behauptet wird, das Klärwerk sei ein sicheres Örtchen... R. B.