Die nächste Lohnrunde wird „heiß“. Man kann davon ausgehen, daß die Forderungen der Gewerkschaften um 15 Prozent liegen werden und daß sie entschlossen sind, deutlich über 10 Prozent abzuschließen. Eugen Loderer von der IG Metall hat unmißverständlich erklärt, daß „Vorleistungen für stabilitätspolitische Erfolge“ für seine Gewerkschaft diesmal nicht in Frage kommen.

Die harte Haltung der Gewerkschaftsführer, die bei den Tarifverhandlungen (die wichtigsten stehen zum 1. Januar an: Metall und öffentlicher Dienst) zu erwarten ist, kann man beklagen, aber kaum ändern. Zu tief sitzt der Schock der wilden Streiks, zu lautstark war die Propaganda gegen die angebliche Gewinnexplosion, als daß von den Unterhändlern der Gewerkschaften nun noch maßvolle Haltung zu erwarten wäre. Andererseits gibt es keinen Zweifel daran, daß eine überzogene Lohnpolitik die Gefahr einer neuen Rezession mit Arbeitslosigkeit heraufbeschwört.

Die fünf führenden Konjunkturforschungsinstitute der Bundesrepublik haben in ihrem jüngsten Gutachten dazu in seltener Eintracht geurteilt: durch Fehlverhalten der Tarifpartner könnte 1974 ein Beschäftigungseinbruch ausgelöst werden. Wörtlich: „Die Unternehmen sollten bedenken, daß hohe Lohnzugeständnisse weit weniger als bisher in den Preisen weitergewälzt werden können, sie also mit einem erheblichen Druck auf die Gewinne rechnen müssen. Für die Arbeitnehmer bedeutet dies – als Folge des dann wohl unvermeidlichen Rückschlags in der Investitionsneigung – die Gefahr steigender Arbeitslosigkeit.“

Nur ein Ausweg aus dem Dilemma scheint den Nationalökonomen in den fünf Instituten noch gangbar: Die Tarifpartner sollten zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik Verträge mit Gleitklauseln schließen. Das würde die Möglichkeit eröffnen, vereinbarte Lohnerhöhungen aufzustocken, wenn während der Laufzeit des Vertrages das Inflationstempo größer wird als bei seinem Abschluß vermutet worden war. Beispiel: Vereinbart werden eine Lohnerhöhung von 9 sowie eine Zusatzzahlung von je 2 Prozent für jedes Prozent, daß der Index der Lebenshaltungskosten über 6 Prozent hinausklettert.

Gegen einen solchen – zumindest teilweisen – Übergang zum Indexlohn gibt es gewiß ernst zu nehmende Bedenken. Immerhin hat ein so renommierter Wissenschaftler wie Herbert Giersch vor kurzem mit Entschiedenheit für die Einführung von Indexklauseln in länger laufenden Verträgen (wie etwa bei Tarifabschlüssen, aber auch bei Anleihen) plädiert. Die Thesen von Professor Giersch werden Widerspruch finden. Aber schwierige Zeiten erfordern manchmal ungewöhnliche Maßnahmen.

Tarifverträge mit Revisionsklauseln wären ein Schritt hin auf den Indexlohn, ein Schritt also ins Ungewisse. Aber wie die Dinge nun einmal liegen, bietet sich hier vielleicht die einzige Chance, bei den bevorstehenden Tarifverhandlungen zu konjunkturpolitisch vertretbaren Abschlüssen zu kommen. Diether Stolze