Von Andreas Kohlschütter

Tel Aviv, im Oktober

Nach dem Drama des Yom-Kippur-Krieges sucht Israel den Weg zurück in den Alltag. Die Zahl der selektiv und nach wirtschaftlichen Kriterien aus der Armee Entlassenen steigt täglich. In den verlassenen Geschäftshäusern werden die Büros aufgeschlossen, auf den stillgelegten Baustellen wird wieder Beton gemischt. Auf dem Disengoff- und dem Ben-Yehuda-Boulevard in Tel Aviv herrscht abends schon wieder levantinisches Treiben: volle Straßencafes, Verkehrsstauungen, ungeduldiges Hupen.

Aber der Schein der Normalisierung trügt. Der Ausnahmezustand dauert an, die Kriegsfolgen sind noch lange nicht bewältigt. Der Preis, den Israel für diesen halbgewonnenen Krieg bezahlen muß, wird das Land auf Jahre hinaus belasten.

Erst jetzt beginnt sich der Schock über die enormen Verluste an Menschenleben so richtig auszuwirken. Keine Familie, in deren eigenen Reihen, in deren engstem Freundeskreis oder unmittelbarer Nachbarschaft nicht Tote oder Vermißte zu beklagen sind. Die offizielle Schlußstatistik ist noch nicht bekanntgegeben worden. Aber ein hoher Offizier im Generalstab nennt vertrauliche Zahlen: 1600 Tote und 6000 Verwundete. „Das bedeutet für unser Dreimillionen-Land“, so meint der General, „soviel wie, übertragen auf die Bundesrepublik, 32 000 Tote in 17 Kriegslagen.“ Die Hunderte von vermißten und in den Spitälern noch immer um ihr Leben ringenden israelischen Soldaten sind dabei gar nicht mitgezählt. Äußerlich beherrscht und gefaßt, erleidet Israel zur Zeit, was ein westeuropäischer Botschafter den „Nervenzusammenbruch hinter verschlossenen Türen“ nannte.

Der israelischen Wirtschaft sagen die Experten eine lange Periode von Gleichgewichtsstörungen und strengster Austerität voraus. Die Verteidigungsausgaben, die schon in den Jahren 1970/72 rund 25 Prozent des Sozialprodukts verschlangen, sollen noch höher werden. Das mindestens zur Hälfte durch Armeebezüge verursachte Außenhandelsdefizit – schon vor Ausbruch des Krieges 1,06 Milliarden Dollar – wird weiterwachsen. Der Yom-Kippur-Krieg, der täglich 250 Millionen Dollar kostete, bedeutet für Israel, wie es heißt, eine internationale Verschuldung „auf Generationen hinaus“.

Gleichzeitig ist das innere Wirtschaftsgefüge in chaotische Unordnung geraten. Die Produktion der nicht für militärische Bedürfnisse arbeitenden Industrien ging um 60 Prozent zurück. Einige Industriezweige wurden völlig stillgelegt. Es fehlte der Markt, und es fehlten die Arbeitskräfte. Durch Notkredite, von den Banken ohne Rücksicht auf bestehenden Kreditrestriktionen ausgegeben, mußten und müssen immer noch unzählige Unternehmen über Wasser gehalten werden, die sonst ihre laufenden Kosten und die Löhne für die an den Fronten stehenden Arbeiter nicht mehr hätten bezahlen können. Mit einem Boom, wie er 1967 nach dem Sechstagekrieg einsetzte, ist diesmal nicht zu rechnen.