Im Hofe des Goethe-Instituts zu Paris steht neuerdings eine Plastik von Wilhelm Lehmbruck: Ein „junges Mädchen, das sich umwendet“. Zu ihrem Empfang hatten Sich einige Dutzend Leute eingefunden, und da man, wie es sich gehört, die Plastik von allen Seiten betrachten kann und sogar auch noch von der Höhe einiger Treppenstufen aus, so befleißigte sich jeder, die Runde um die bronzene nackte Unschuld zu machen, mit langsamen Schritten und bewundernden Blicken.

Es war der deutsche Gesandte erschienen. Auch wurde die Anwesenheitzweier Söhne des Bildhauers angekündigt. Ein Umstand, der mein Zeitgefühl ein wenig durcheinanderbrachte, löst doch das Wort „Söhne“ die Vorstellung von Knaben oder Jünglingen aus (beim Singular „Sohn“ ist das anders). Aber Jünglinge waren nicht zu sehen.

Jetzt erklang draußen Hufgetrappel. Sollte wahrhaftig auch noch die berittene Nationalgarde aufgeboten worden sein? Ich eilte ins Freie, aber die schön geputzten braunen Pferde, dreißig oder gar fünfzig, samt ihren Reitern mit blanken Helmen oder Federbüschen, trabten eine Straßenecke weiter vorbei. Wir guckten ihnen nach, eine Passantin und ich, und sie sagte: „C’est quande même très jolie, n’est ce pas?“ Was am besten mit berlinischem Akzent wiederzugeben ist: „Is ja doch janz hübsch, nich?“ Sie betonte das „quande même“, und dieses „ja doch“ ließ mich spüren, daß wir es mit keinem alltäglichen Anblick zu tun hatten.

In den Innenhof des Instituts zurückgekehrt, war ich jetzt besser eingestimmt auf das Erlebnis der Kunst. Die Söhne allerdings waren ruhige, humorvolleHerren in einem Alter, das ihr für dieses Leben allzu sensible Väter nicht erreichen konnte. (Lehmbruck, Wilhelm, 1881–1919.) Sie hatten Plastiken ihres Vaters nach Bourges begleitet, wo eine große Lehmbruck-Ausstellung eröffnet wurde. Doch „das junge Mädchen, das sich umwendet“, muß sich auf der Reise abgewendet haben, Richtung Paris, angelockt durch Joseph Raczynski, den Leiter des Goethe-Instituts, der ein großer Kunstkenner ist.

In Paris ist. die Bronzeschönheit geboren, hier wird sie bleiben. Das umschrieb Bernard Dorival, Kunstgelehrter, Universitätsprofessor und Museumsdirektor a. D. Er schilderte die für seine Kunst entscheidenden vier Jahre, die Lehmbruck in Paris verbrachte (1910 bis 1914) und schloß: „Er hat seine Zeit in Paris nicht vertan, und ebensowenig wird sein Junges Mädchen, das sich umwendet’, seine Zeit vertun. Nicht zu der Vergangenheit, die sein Schöpfer am Ufer der Seine verbrachte, wendet sie sich zurück. Sie wendet sich in die Zukunft und erinnert die Pa- – riser an Lehmbruck, der in seinen entscheidenden Jahren Pariser war.“

Draußen war eine milde Herbstsonne aufgegangen und beschien die bronzene Figur. Ich legte die Hand auf ihre Schulter. Ihre Haut war warm. Sie lebte.