Von Rudolf Herlt

Lockern oder nicht lockern, das ist hier die Frage. Diese heikle Entscheidung ist am Ende jedes Booms zu treffen. Die Frage wird meist von denen aufgeworfen, bei denen die vorangegangene Restriktionspolitik die tiefsten Wunden hinterlassen hat. Im Wirtschaftsleben sind Wunden entweder Pleiten – dann sind sie tödlich – oder Verluste, dann sind sie heilbar. Niemand würde sich wundern, wenn die Bauindustrie verlangte, mit der harten Kreditpolitik endlich aufzuhören. In ihren Reihen gibt es Unternehmen, denen das Wasser bis zum Hals steht.

Aber die Menschen horchen auf, wenn aus dem Kreditgewerbe der Ruf ertönt, das Steuer der Zinspolitik schon jetzt herumzuwerfen. Sie horchen auf, weil sie glauben: Wenn jemand etwas vom Geld und seiner Kaufkraft versteht, dann müssen es die Bankiers sein. Jürgen Ponto, der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, und Paul Lichtenberg, Vorstandsmitglied der Commerzbank, durften deshalb wirksamer Schlagzeilen sicher. sein, als sie – der eine fortissimo, der andere mezzoforte – unlängst eine Wende in der Kreditpolitik forderten.

Läßt man dann die erlauchten Namen Revue passieren, deren Träger den beiden voreiligen Bankiers mit Leidenschaft und Argumenten wiedersprachen – Helmut Schmidt, Karl Klasen, Hans Fri Jerichs, Otmar Emminger, Wolff von Amerongen, um nur die Prominentesten zu nennen –, dann fällt einem ein, daß ja auch Benzinhändler nicht unbedingt die chemische Formel ihres Produkts beherrschen müssen. Kann es nicht sein, daß Bankiers deshalb nach dem Ende des Anti-Inflationskurses rufen, weil sie im Ertragen von Wundschmerzen, im Hinnehmen von Verlusten also, nicht zu den Robusten gehören? Es paßt ins Bild der freien Wirtschaft, daß gelegentlich im Gewande des Wirtschaftspolitikers um privatwirtschaftliche Vorteile gekämpft wird. Nicht immer, aber oft sind es dieselben, die vorher am lautesten gefordert haben, nun müsse aber endlich ohne Rücksicht auf privatwirtschaftliche Blessuren gegen die Inflation vorgegangen werden.

Dennoch muß man sich mit ihnen auseinandersetzen. Denn ihre Forderungen leiteten einen Nervenkrieg ein, der es den Wirtschaftspolitikern schwerer macht, das rechte zu tun. Der Bundesfinanzminister sagte darum auch in seiner Etatrede: „Wir müssen die Nerven behalten, damit wir im Laufe dieses und des nächsten Jahres die Früchte der Stabilitätspolitik auch wirklich ernten können“, und es klang wie ein pluralis maiestatis.

Schmidt hat die öffentliche Meinung hinter sich. Was die Menschen noch immer am meisten bewegt, sind die steigenden Preise. Gäbe es Anzeichen dafür, daß die Erzeugerpreise merklich geringer steigen als bisher, und daß die Tarif Vertragsparteien ihre Lohnpolitik auf die veränderte Konjunkturlage einstellen werden, wäre jetzt vielleicht schon der Zeitpunkt für eine Wende in der Konjunkturpolitik gekommen. Aber bei einer Inflationsrate von immer noch sieben Prozent für das Jahr 1973 und bei dem allseitig ausgeprägten Wunsch, der Inflation auszuweichen, sind die konjunkturellen Entspannungstendenzen noch zu gering, als daß sich Bundesregierung und Bundesbank jetzt schon zum Lockern entschließen dürften.

Da der Produktivitätsanstieg merklich nachgelassen, der Lohndruck aber noch zugenommen hat, haben die Unternehmen ihre Gewinnspannen zu verteidigen versucht. In den Zeiten des Booms gelang ihnen das auch, so daß die Erzeugerpreise besorgniserregend gestiegen sind (plus 7,2 Prozent). Auch die Hoffnung auf „einstellige“ Abschlüsse in den kommenden Lohnrunden ist eine Illusion. Die IG Metall macht, wie wir von Eugen Loderer wissen, den gleichen Fehler nur einmal. Sie hat Anfang dieses Jahres mit tariflichen Lohnsteigerungen von unter neun Prozent einen Beitrag zur Stabilität geleistet, der sie später einer Zerreißprobe aussetzte. Kaum war nämlich der Tarifabschluß unter Dach, da zahlten die Unternehmer von sich aus übertarifliche Zuschläge, die das effektive Lohnniveau schon im ersten Halbjahr um mehr als zwölf Prozent erhöhten. Wilde Streiks im Metallbereich zeigten deutlich, wie unzufrieden die Basis mit ihrer Gewerkschaft war. Noch einmal wird das Loderer nicht passieren.