Watergate überschattet auch die Sorge um den Frieden im Nahen Osten

Von Dieter Buhl

Washington, im Oktober

Die Stimme des sowjetischen UN-Chefdelegierten Malik klang kalt, drohend: "Jetzt steht nicht nur der Friede im Nahen Osten auf dem Spiel." Es war Dienstag, der 23. Oktober, gegen 22 Uhr. Im vollbesetzten Plenarsaal des Sicherheitsrates gab es keinen Zweifel mehr: Die amerikanisch-sowjetischen Auseinandersetzungen um die Beilegung des Nahostkonfliktes hatten ihren ersten Höhepunkt erreicht. Aber John Scali, der amerikanische Repräsentant bei den Vereinten Nationen, schwieg.

Am nächsten Morgen wurden die Amerikaner durch eine alarmierende Nachricht aus den Betten geschreckt: Der Präsident hatte die amerikanischen Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Das Fernsehen brachte die ersten Bilder von Militärstützpunkten, auf denen außergewöhnliche Betriebsamkeit herrschte, und von Piloten, die die Motoren ihrer Flugzeuge warmlaufen ließen. Aber Richard Nixon, der Oberbefehlshaber, schwieg.

Die Verwirrung war vollkommen. Noch hatte sich die amerikanische Öffentlichkeit nicht von dem Schock erholt, den sie durch die Entlassung des Watergate-Sonderanklägers Cox und den Rücktritt von Justizminister Richardson nur wenige Tage zuvor erlitten hatte. Jetzt schien sich Schlimmeres anzubahnen: ein militärischer Konflikt zwischen den beiden Supermächten, Weltkrise und Staatskrise drohten zu einer hochexplosiven Mischung zu verschmelzen.

Doch war bezeichnend für die Stimmung im Lande, daß weniger Angst als Unsicherheit offenbar wurde. Nicht so sehr Sorge um den Frieden beherrschte in diesen beiden dramatischen Oktobertagen das Denken, sondern die Suche nach den Ursachen der Eskalation beschäftigte die Mehrheit der Amerikaner. Und diese Suche führte immer wieder zu jenem Mann, der letztlich über Krieg und Frieden entscheiden kann: zu Richard Nixon.