„Gelöste Liebe“, Roman von Per Wästberg. Ein Roman für feine Leute: gehobenes Milieu mit internationalem Air. ‚Er‘ ist erster Flugleiter eines schwedischen Flughafens, seine Halbschwester Assistentin an der Akademie der Wissenschaften, ‚Sie‘ („Die Sache ist so. Ich bin gesetzlich geschieden von einem Mann, mit dem mich nicht viel verbindet, und ich habe einen Liebhaber, der in London wohnt. Ich habe eine interessante Arbeit. Ich kann sehr gut für mich allein leben; ich habe Freunde“) ist Abteilungsdirektorin im Umweltschutz. Die Geschichte beschäftigt sich mit dem „jetzigen Zustand“ ihres Helden: „im Inzest zu leben, zwei Personen zu lieben und sich dabei glücklich wie ein Osterei zu fühlen“. Weniger glücklich fühlt sich der Leser. Wechselseitige Versicherungen leidenschaftlicher Liebe, ausführliche Beschreibungen sexueller Begegnungen, Meditationen über das Thema Liebe, garniert mit Streiflichtern auf Politik, Gesellschaft, Umweltschutz, wie sich das unter gebildeten Menschen ziemt, können ihn nicht dafür entschädigen, daß die Figuren feuilletonistische Schemen bleiben; man langweilt sich. Nur an einer Stelle blickt ein Fetzchen Realität durch: Per Wästberg ist ein Kenner Indiens und Afrikas. Der Brief eines schwedischen Entwicklungshelfers aus Afrika an seinen Freund, den Flughafenleiter, ist stofflich interessanter als diese perfektionierte Beziehung vor auswechselbaren Kulissen. (Aus dem Schwedischen von Ursel und Ulrich Bracher; Claassen Verlag, Hamburg/Düsseldorf, 1973; 314 S., 28,– DM). Anni Carlsson