Neu in Museen und Galerien

Düsseldorf Bis zum 30. Dezember, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Schloß Jägerhof „Surrealismus“

Daß Ausstellungen mehr und anderes sein sollten als Zurschaustellungen, daß das selektiert angebotene und reflektiert dargebotene Kunstwerk dem Betrachter mehr Vergnügen und Gewinn bringt als ein auf Vollständigkeit zielendes Überangebot: Diese Erkenntnis ist so neu nun auch nicht mehr. In England praktiziert man das Verfahren schon länger, hierzulande, wo man Einsichten oft erst dann zu akzeptieren sich getraut, wenn man sie mit Bildungs-Chinesisch in ideologische Höhen katapultieren kann, hat diese Methode Mode gemacht, parallel zu der Karriere des Wortes „didaktisch“. Didaktisch also geht es auf einmal auch im Hause von Werner Schmalenbach zu, dem Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, der, bewundert viel und viel gescholten, seine Sammlertätigkeit doch nach dem eher kulinarischen Prinzip, daß Meisterschaft über Zeugenschaft geht, betreibt. Der Surrealismus als didaktische Schau: Einige wenige Meisterwerke aus eigenem Bestand sind hier umgeben von vergrößerten Photoreproduktionen, umhängt von einem Wald von Textfahnen und Schriftrollen, all das verteilt über ein paar Räume und einen Treppenaufgang. Der Betrachter, dem hier nicht weniger als 1. die Geschichte des Surrealismus, 2. Interpretationen zu Meister- und Musterwerken dieser Kunstrichtung und 3. Hinweise auf die Fortsetzung des historischen Surrealismus bis in die heutige Kunstproduktion hinein geboten wird, fühlt sich 1. als Steh-Leser überanstrengt, 2. durch das nicht klar genug gegliederte, das Information und Interpretation vermengende Angebot verwirrt und 3. gelegentlich allzu simpel angerempelt (zum Beispiel durch Kommentare wie den zu Max Ernsts „Nach uns die Mutterschaft“: „Eine Familie in Abwesenheit des Vaters – die typisch moderne Familien-Situation ...“). Der scheußlich aussehende, anzufassende und zu teure Katalog, im Vorwort als informierendes Bildheft fehlbeschrieben, läßt dem Leseschau-Besucher nicht einmal die Möglichkeit, zu Hause sitzend in den Kopf zu kriegen, was ihm im Museum stehenden Fußes zu erfassen nicht gelang. Petra Kipphoff

Köln Bis zum 26. Dezember, Kunstgewerbemuseum im Overstolzenhaus: „Wilhelm Wagenfeld – 50 Jahre Mitarbeit in Fabriken“

Die Besitzlust, die Besucher von Kunstausstellungen bisweilen überkommt und von Preisschildern scharf gebremst wird, hat in diesem Fall fast freien Lauf. Von ein paar Unikaten und Modellstücken abgesehen, ist alles im Laden nebenan zu haben, unsigniert natürlich, unnumeriert, erschwinglich, dennoch von beiläufiger, aber ausgeprägter Schönheit. Der zufriedene und wohl auch erstaunte Ausruf „das haben (oder hatten) wir auch“ gehört zu den amüsanten Reflexen in dieser Ausstellung von industriell gefertigten Gebrauchsgegenständen, die Wilhelm Wagenfeld seit 1924 gezeichnet, konstruiert, für den Produktionsprozeß vorbereitet, kontrolliert hat: Porzellan- und Glasservice, Bestecke, Salz- und Pfefferstreuer, Vasen, Dosen und Schüsseln, Töpfe und Seidel, Lampen und Türgriffe, darunter eine Menge weitverbreiteter, gelobter und sogar geliebter Gegenstände, die ihn zum Klassiker unseres Hausrats gemacht haben. „Die Kunst gestaltet unser Dasein nicht“, hat er 1947 geschrieben; „das geschieht in den Fabriken, den Werkstätten und in allem öffentlichen Leben.“ Und natürlich ging es ihm nicht um Kunst, sondern um gebrauchstüchtige, ansehnliche Dinge für den Alltag. Diese Ausstellung, die alles noch Erreichbare und Wiedergefundene dieses großen alten Meisters hervorragend präsentiert, beweist auf Schritt und Tritt sein Ansinnen: als Designer die Festung Industrie zu erobern. „Kein Gerede über totes Maschinenwerk!“, verlangte er 1940. Denn: „Wo die Maschine zerstört, da versagte der Mensch, denn sie ist unser Werkzeug.“ Und: „Industrieformen müssen sein wie alter Hausrat aus dem Handwerk, so simpel und eindeutig, aber präzis und uns zugehörig wie technisches Gerät.“ Jedes Fabrikstück aus seinem Leben vergegenständlicht jedes dieser Worte, und da das Berühren der Figuren ausdrücklich erlaubt ist, kann man’s prüfen: den Löffel im Mostrichglas; auf dem Topf aus Jenaer Glas den Deckel, der selber Topf, Pfanne oder Teller ist; die Lampen, die mitsamt den Birnen entworfen sind, das „Form“-Besteck, das in der Hand liegt und heute noch unübertroffen ist. Dekorative Entgleisungen sind bemerkenswert selten; sie sind sozusagen die Fettnäpfchen, in die Wagenfeld trat auf dem Wege zu einer Art von Vervollkommnung der Geometrie; denn die allein genügte ihm als formales Ausdrucksmittel selbst für den Alltag in Küche oder Stube niemals. Und dieses kleine bißchen „anders“ trägt bei ihm mitunter Züge von Genialität. – Der ungemein gründliche Katalog enthält das annähernd vollständige Werkverzeichnis, Photos und eine sehr sorgfältige Bibliographie. Die Ausstellung ist im Januar/Februar in Darmstadt, März/April in Hannover, Juni/August in München zu sehen. Manfred Sack

Wichtige Ausstellungen:

Berlin Bis zum 11. November, Schloß Charlöttenburg: „China und Europa“