In siebzehn Jahren will die SED alle Wohnungsprobleme beseitigen

Die DDR wagt sich jetzt an die „wohl bedeutendste sozialpolitische Aufgabe der Gegenwart und Zukunft“. Bis 1980 soll für jeden Haushalt eine Wohnung bereitstehen, und bis 1990 sollen auch die schlimmsten Altbauten durch neue ersetzt und zahlreiche ältere Häuser modernisiert worden sein. Dann, in siebzehn Jahren, soll nach dem Willen der SED „die Wohnungsfrage in der DDR gelöst“ sein. Bis dahin sind für mehr als 200 Milliarden Mark rund drei Millionen Wohnungen neu zu bauen oder zu modernisieren – ein enormes Programm, gemessen an den bisherigen Leistungen der DDR-Bauwirtschaft.

Die SED unter Erich Honecker müht sich offenbar Marter darum, rascher als zu Ulbrichts Zeiten die Qualität des DDR-Lebens zu verbessern. Seit Honeckers Amtsantritt als Parteichef wurden schon die bessere Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs, die Beseitigung von Engpässen bei vielen Konsumgütern, Verbesserungen im Feriendienst und bei der Gewährung von Kuren und die Bereitstellung von Mitteln für den Eigenheimbau angekündigt. Außerdem wurden Mindestlöhne heraufgesetzt und unterbezahlte Berufsgruppen – wie neuerdings Ärzte und Pflegepersonal – durch Gehaltsaufbesserungen erfreut.

Dem ausgeprägten Klassenbewußtsein von Honecker entspricht es, daß die meisten sozialpolitischen Maßnahmen vor allem Arbeiterfamilien und Kinderreichen zugute kommen sollen. So konstatierte jetzt der Minister für Bauwesen, Wolfgang Junker, vor dem SED-Zentralkomitee, bisher sei das Niveau der Wohnverhältnisse der Arbeiterklasse gegenüber anderen Schichten der Bevölkerung vielfach noch zurückgeblieben.

Funktionäre und Leute mit guten Beziehungen hatten es allemal leichter, zu einer Neubauwohnung zu kommen, als der kleine parteilose Arbeiter. In Zukunft sollen, so Junker, 60 Prozent der neu errichteten Wohnungen von Arbeitern bezogen werden. Für die älteren Leute, „die ein Leben lang fleißig gearbeitet haben“, sollen mehr Einraumwohnungen gebaut werden. Und für Kinderreiche soll es auch mehr Drei- und Vierzimmerwohnungen geben.

Ein großer Teil des Bauprogramms soll auch der Erhaltung und Modernisierung bestehender Wohngebäude dienen. Schon in jüngster Zeit wurden die Aufwendungen für die Modernisierung von Wohnungen gesteigert. Im Jahre 1972 wurden in der DDR durch Neubau, Umbau und Ausbau 76 130 neue Wohnungen geschaffen und 10 647 Wohnungen modernisiert. Ein Jahr später wurden 10 000 Wohnungen mehr gebaut, aber schon 20 000 Wohnungen mehr modernisiert.

Derartige Anstrengungen im Wohnungsbau und in der Erhaltung der Substanz sind auch nötig. In der Bundesrepublik sind mehr als die Hälfte aller Wohnungen nach dem Kriege gebaut worden, in der DDR aber nur ein Viertel. Fast die Hälfte aller Wohnungen in der DDR stammt noch aus dem vorigen Jahrhunderts Auf tausend Einwohner kommen in der DDR rund achtzig nach dem Kriege gebaute Wohnungen, in der Bundesrepublik aber mehr als doppelt soviel. Die Bevölkerung der Bundesrepublik ist dreimal so groß wie die der DDR, aber es werden hier jährlich sechsmal so viele Wohnungen neu gebaut.