„Nihilon“ – Alan Sillitoes Satire läuft Amok

Von Rolf Michaelis

Nach dem Muster der „verkehrten Welt“, nach dem seit alters Kinderreime und heute die negativen Utopien von Huxleys „Brave New World“ oder Orwells „1984“ die aus den Fugen geratene Welt einrenken, hat der 1928 geborene Arbeitersohn aus Nottingham sein neues Buch als satirischen Staatsroman angelegt –

Alan Sillitoe: „Nihilon“ („Travels in Nihilon“), Roman, aus dem Englischen von Fritz Güttinger; Diogenes Verlag, Zürich, 1973; 298 S., 26,80 DM.

In der Tradition der pädagogischen Romane des 18. Jahrhunderts, das die idealen Staatsepen liebte, erteilt Sillitoe in der Vorrede einem fiktiven Erzähler das Wort, einem „Hauptschriftleiter“, der die Berichte seiner „fünf Mitarbeiter im Außendienst“ zusammenstellen soll, die nach fünfundzwanzig Jahren zum erstenmal aus dem Land Kronakien wieder in das „unerforschte Land Nihilon“ aufbrechen, um ein „Reisehandbuch“ zu schreiben. Die zaghaften Ansätze der im archivarischen Ton gehaltenen Einleitung zu ironischer Stilbrechung, zu kompositorischem Spiel mit direktem und indirektem Bericht, zu Tatsachenschilderung und Kommentar gibt Sillitoe jedoch gleich wieder auf. Er häkelt die Episoden seiner fünf Reisekorrespondenten in vierzig fast gleich langen, auf jeden Fall gleich langweiligen Kapiteln hintereinander als Erlebnisse von fünf Romanfiguren.

Damit verspielt Sillitoe die literarischen Möglichkeiten seines Grundeinfalls: Anstatt mit fünf Augenpaaren zu sehen, mit fünf Temperamenten ein Wahnsinnsland zu erfahren, anstatt in fünf unterschiedlichen Weisen zu schreiben, beschränkt er sich auf den Einheitsstil eines einzigen Erzählers. Der auf dem Fahrrad strampelnde Adam, der im Auto reisende Benjamin, die den Zug benutzende Jaquiline, der mit dem Schiff landende Edgar, der im Flugzeug einschwebende Richard – sie werden nie Person. Alle fünf bleiben Lautsprecher des Erzählers Sillitoe. Außer abstrusen Einfällen bringen die verschiedenen Vehikel, mit denen die fünf Korrespondenten Nihilon auskundschaften, nichts ein. Jeder könnte die Erfahrungen auch jedes andern machen.

Sicher, um den vergnügt brutalen Geist im Lande Nihilon zu schildern, das seine Gäste an der Grenze mit dem Spruchband empfängt: „Sichausleben plus Sichgehenlassen gleich Nihilismus“, taugt eine knusprige Jaquiline, an der sich Nihilisten vergreifen dürfen, besser als ein dicker, kahlköpfiger Benjamin. Doch stolpert Sillitoe über seine Einfälle, die er nicht zu ordnen weiß. Denn gibt er uns nicht zu verstehen, daß in Nihilon Gleichberechtigung der Geschlechter verwirklicht ist, weshalb die stämmige Gepäckträgerin aus Nihilon dem konakrischen Edgar, dessen Kabinenkoffer sie schultert, gesteht: „Ich will Sie haben“, ihn ins Hotel schleppt und „aufs Bett schubst“?