Von Jürgen Kramer

Washington, im Oktober

An Komplimenten hatte es nicht gemangelt. Richard Nixon nannte John Sirica einen „couragierten Richter“. Das war freilich vor dem 29. August, also ehe der präsidierende Washingtoner Bundesrichter dem Präsidenten seine verfassungspolitischen Grenzen zeigte. Am Donnerstag vergangener Woche machte sich auch die amerikanische Richtervereinigung Nixons Lobpreisungen zu eigen und zeichnete Sirica für seinen „richterlichen Mut“ bei der Aufklärung des Watergate-Skandals mit ihrem Verdienstorden aus.

Richter Sirica ist der Mann, der das Privileg hat, als Schiedsinstanz zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und den Anklagevertretern zu fungieren. Als erster und einziger Amerikaner außerhalb des Weißen Hauses kann er nämlich jetzt jene neun Tonbänder abhören, die inzwischen zu den umstrittensten Präsidentschaftsdokumenten der amerikanischen Geschichte geworden sind. Um korrekt zu sein: ganz exklusiv ist Siricas Rolle nicht. Nixons ehemaliger Stabschef Robert Haldeman verblüffte im Sommer den Watergate-Untersuchungsausschuß des Senats mit der Mitteilung, daß der Präsident ihm während der schon laufenden Auseinandersetzung gestattet habe, einige dieser Tonbänder bei sich zuhause ohne jede Kontrolle abzuhören. Aber Haldemans Fazit, die Tonbänder bewiesen, daß weder Richard Nixon noch er selbst etwas mit der Planung oder späteren Vertuschung der Spionageaktion gegen die demokratische Parteizentrale im Washingtoner Hotel „Watergate“ im Wahljahr 1972 etwas zu tun gehabt hätten, fand nicht allzuviel Glauben, denn er selbst stand ja unter dem Verdacht, sich die Finger schmutzig gemacht zu haben.

Den schweren Vorwurf, daß Nixon mindestens seit dem 15. September vergangenen Jahres informiert und später sogar direkt eingeschaltet gewesen sei, die strafrechtliche Aufklärung der Watergate-Affäre zu hintertreiben, hatte sein Rechtsberater John Dean erhoben. Erst nach dessen öffentlicher Anklage gegen den Präsidenten und eigentlich nur per Zufall kam heraus, daß Nixon seit 1970 alle Unterhaltungen in seinen Büros insgeheim hatte auf Tonband aufnehmen lassen. Lügt nun Richard Nixon oder John Dean? Die Tonbänder sind zum wichtigsten Beweismittel der Anklage geworden.

Als Sirica am 29. August verfügte, der Präsident habe ihm die von Sonderankläger Cox eingeklagten Tonbänder auszuhändigen und er werde dann entscheiden, welche Passagen der Grand Jury als Beweismittel überlassen werden sollten, hatte sich der Richter eine Reputation als unerschrockener Vorkämpfer für die Aufklärung der skandalösen Vorgänge schon erworben. Den ersten Beitrag dazu leistete der 69jährige, Sohn eines italienischen Einwanderers, Ende Januar. Als Sirica den Schuldspruch gegen die sieben Watergate-Einbrecher verkündet hatte, gab er recht deutlich zu verstehen, daß für ihn damit die volle Wahrheit noch nicht ans Licht gekommen sei, wie es die Staatsanwälte des Justizministeriums glauben machen wollten.

Daß der vom Weißen Haus aus gesteuerte Vertuschungsversuch scheiterte, war nicht nur ein Verdienst der später mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein von der „Washington Post“ und anderer Journalisten, sondern auch das Resultat einer in der Washingtoner Justiz oft bespöttelten Schwäche John Siricas: Der 1957 von Präsident Eisenhower zum Bundesrichter ernannten, als überzeugter Republikaner bekannte Sirica verhängte die mit Abstand drakonischsten Strafen in Washington und hat dafür den Spitznamen Maximum-John bekommen. Sirica, der als Boxer in jungen Jahren gelernt hat, hart zu sein, ist ein law-and-order-Mann, wie er im Buche steht. Daß ausgerechnet dieser Richter zum Lehrmeister des law-and-order-Präsidenten wurde, ist von besonderer Pikanterie.