Wilhelm Hankel zu Herbert Ehrenbergs neuem Buch „Zwischen Marx und Markt“

In einem Punkte stimmen Systemveränderer und Systembewahrer, gesellschaftspolitische Revolutionäre, Reformisten und Revisionisten überein – obwohl sie es vielfach gar nicht merken: Die soziale Marktwirtschaft überkommenen Typs hat eine gefährliche Schlagseite. Ihre Investitionsstruktur ist korrekturbedürftig: Sie produziert zuviel Privat- und zu wenig Sozialinvestitionen, die man heute, der Generalstabssprache des Zweiten Weltkriegs entlehnt, die Infrastruktur nennt.

Das mochte angehen, solange Schlote rauchen mußten, weil man Arbeitsplätze brauchte. Seit aber Arbeitsplätze gesichert sind, oder als gesichert gelten, dürfen Schlote nicht mehr rauchen: Seitdem verpesten sie die ökonomisch geänderte Umwelt. Mit zunehmender Prosperität und Prosperitätsgewöhnung (Abnahme der ökonomischen Existenzangst) rückte das allen Marktwirtschaften eigene Defizit an Infrastruktur ins allgemeine Bewußtsein, entdeckte man, daß die, Marktwirtschaft nur eindimensional „sozial“ war, in Richtung Einkommensverteilung. Es fehlte die zweite soziale Dimension – in der Sach- und Geldvermögensbildung.

In der Diagnose dieses Mangels sind sich linke Kritiker, rechte Verteidiger und die in der Mitte links wie rechts stehenden Reformer einig. Just von diesem geometrischen Ort, zu dem alle politischen Linken konvergieren, geht auch das neue Buch von Herbert Ehrenberg („Zwischen Marx und Markt“, Societätsverlag, Frankfurt, 320 Seiten, 22,– Mark) aus (das nicht umsonst den programmatischen Untertitel trägt: „Konturen einer infrastrukturorientierten und verteilungswirksamen Wirtschaftspolitik“).

Ehrenberg aber wirkt nicht nur wie ein Katalysator. Er nimmt als Wirtschaftspolitiker einen Auftrag ernst, den vor drei Jahren (1970 in Innsbruck) der Verein für Sozialpolitik unter der wissenschaftlichen Leitung von Reimut Jochimsen erteilte, als er sich mit „Grundfragen der Infrastukturplanung für wachsende Wirtschaften“ befaßte. Rudolf Herlt notierte damals: „Mit dem Befund (woher kommt das Problem?) haben sich bisher vielleicht zwei Dutzend Nationalökonomen intensiver beschäftigt, mit den Führungsmethoden (was ist zu tun?) noch weniger.“ Und er äußerte die Hoffnung: „Wenn der Kongreß ein weiteres Dutzend Wissenschaftler dazu angeregt hat, sich mit diesen Fragen intensiv zu beschämt tigen, dann hat er seine Aufgabe erfüllt.“

In der Diagnose einig

Ehrenberg hat sich darangemacht, die in Auftrag gegebenen Fragen von Innsbruck aufzuarbeiten. Aber das Werk versteht sich nicht nur als Rezeptbuch. Es ist ein Kursbuch für den zweiten Abschnitt marktwirtschaftlicher Entwicklung in unserem Land. Wir sagten schon: In der Diagnose sind sich alle einig, Linke, Halblinke und auch Rechte. Unterschiede tun sich nur auf in den Schlußfolgerungen, die aus diesem Mangel gezogen werden. Die einen sehen hierin ein Symptom für das Scheitern der Marktwirtschaft: Der Mechanismus der Investitionslenkung funktioniere nicht und deshalb wollen sie alles auf den Kopf stellen, sprich ein zentrales Planungssystem einführen. Die anderen – und zu ihnen rechnet auch Ehrenberg – denken differenzierter. Das Defizit an öffentlichen Investitionen ist kein Mangel des marktwirtschaftlichen Lenkungsmechanismus schlechthin, denn die Aufteilung der Gesamtinvestitionen in öffentliche und private ist kein Problem des Marktes, sondern ist eine politische Entscheidung. Hier wurden in der Vergangenheit ganz einfach die Weichen falsch gestellt. Inwiefern?