Englands Zuckerindustrie mobilisiert ihre Arbeiter gegen Frankreichs Agrarinteressen

Die Arbeiter aus Liverpool, Glasgow und London hatten die Parteikongresse der Liberalen, Sozialisten und Konservativen schon demonstrativ mit ihrem Anliegen vertraut gemacht: Hände weg vom Zuckerrohr und Rohrzucker. Ihr Protestzug in die Hauptstadt, begleitet von trutzigen Bauernweisen aus dem Dudelsack, verfehlte jedoch den eigentlichen Widersacher der britischen Rohrzuckerraffinerien. Der französische Landwirtschaftsminister Jacques Girac hatte seinen Besuch bei seinem Londoner Kollegen Joseph Godber kurzfristig abgesagt.

Die Botschaft der Protestanten ist klar: Französischer Rüben-Egoismus gefährdet die Arbeitsplätze in den Rohrplantagen von den Fidschiinseln bis Jamaika und in den auf Rohrzucker eingespielten Raffinerien in Großbritannien. Und was unternimmt die britische Regierung dagegen? Nichts.

Dafür unternahmen aber die Beschäftigten des Rohrzuckerkonzerns Tate & Lyle etwas. Ihr Aktionskomitee kaufte Anzeigenraum in den Zeitungen, um die Zuckerfrage in den rechten historischen Zusammenhang zu stellen. „Was Napoleon mißlang, schafft Pompidou“, trompetete die Annonce. Die Hausfrauen wurden mit der Behauptung erschreckt: Als direkte Folge von Großbritanniens EG-Beitritt zahlt Ihr in zwei Jahren das Dreifache für Zucker.

Diese Panikmache war Agrarminister Godber zu viel. „Eine der wildesten Verdrehungen der Tatsachen, die der Öffentlichkeit je vorgesetzt wurde“, explodierte der Minister. Und er beeilte sich richtigzustellen, daß die Preisdifferenz zum Gemeinsamen Markt nur einen penny je Pfund Zucker betrage.

John Lyle, der Vorsitzende von Tate & Lyle, versicherte dem Minister, die Zahlen des Aktionskomitees seien nicht die der Geschäftsführung. Das Management hatte erkannt, daß das eifrige Komitee weit über das Ziel hinausgeschossen war. Tate & Lyle – der Name ist auf der Insel synonym mit Zucker – ist dennoch die treibende Kraft in der Kampagne. Sie wehrt sich gegen die Bedrohung ihrer dominierenden Position auf dem britischen Zuckermarkt.

Tate & Lyle ist das einzige Unternehmen auf der Insel, das rohen Rohrzucker raffiniert; und zwar in den Zuckerhäfen London, Liverpool und Glasgow. Der Rübenanbau wurde zugunsten des Zuckerrohrs im Commonwealth kurz gehalten. Von den 2,6 Millionen Tonnen britischen Zuckers kommen 1,7 Millionen Tonnen aus dem Rohr und C,9 Millionen Tonnen aus der Rübe.