Von Wolfgang Hoff mann

Vor knapp zwei Jahren animierte Sowjetpremier Kossygin in Moskau weilende Industriebosse aus der Bundesrepublik zur industriellen Zusammenarbeit großen Stils. Im Frühjahr dieses Jahres erneuerte Parteichef Leonid Breschnjew bei seinem Besuch in Bonn die Kreml-Offerte. Er bot Kooperationsverträge auf dreißig und mehr Jahre. Bislang aber verhandelten kapitalistische Unternehmer mit sozialistischen Generaldirektoren vergeblich darüber, wie die östliche Planwirtschaft und die westliche Marktwirtschaft auf einen Nenner zu bringen sind. Die Ost-West-Experten kommen stets auf die Urform von Handel und Wandel zurück – auf den Tausch.

Kompensiert werden die Lieferungen von Anlagen, Lizenzen und technischem Know-how. Als Gegenwert bieten die Sowjets Produkte und Rohstoffe aus ihrem Sortiment. Bezahlung in Devisen erfolgt meist nur bei kleinen und mittleren Geschäften. Selbst das bislang größte Kooperationsabkommen, das Röhren-Gas-Geschäft, zwischen der UdSSR und der Firma Mannesmann, ist nach strenger Auslegung keine Kooperation, sondern ein typisches Warengeschäft. Für Röhren aus Deutschland zahlt Moskau mit Erdgas. Lediglich die lange Laufzeit hebt dieses Geschäft aus dem Rahmen des üblichen Warenhandels heraus.

Ähnliches gilt auch für das in Aussicht genommene Großprojekt der Salzgitter AG und der Korf-Stahl AG. Im russischen Kursk soll für drei bis fünf Milliarden Mark ein Hüttenwerk gebaut werden. Der deutsche Beitrag, Anlagenbau und Know-how, soll mit Produkten aus dieser Hütte – vor allem Eisenschwamm – bezahlt werden.

Großprojekte wie das Röhren-Gas-Geschäft oder die Lieferbeteiligung deutscher Firmen an den großen Kfz-Produktionsstätten in Togliattigrad und Kama sind ein erster Schritt, den Ostblock in die vom Westen seit langem geübte internationale Arbeitsteilung einzubeziehen. Hans Birnbaum, Chef von Salzgitter, findet sogar, daß der Bau von Stahlwerken in der Bundesrepublik überflüssig werden kann, wenn gewisse Produktionsstufen in die Sowjetunion verlagert werden.

Was im Stahlbereich möglich ist oder im Maschinenbau etwa von der Werkzeugmaschinenfabrik Gildemeister modellhaft praktiziert wird, ist beispielsweise für die chemische Industrie kaum praktikabel. Die Russen wollen nämlich mit den Produkten bezahlen, die in den mit deutscher Hilfe gebauten Fabriken hergestellt werden. Solche Gegenwerte für deutsches Knowhow produzieren aber die bundesdeutschen Chemiekonzerne selbst im Überfluß.

Seit Energie in der Bundesrepublik knapp zu werden droht, hofft die deutsche Industrie auf die Energiequellen Sibiriens. Doch so unerschöpflich, wie diese Vorkommen vielfach eingeschätzt werden, sind sie nicht. DIHT-Präsident Otto Wolff von Amerongen lobt das Röhren-Gas-Projekt zwar als gelungene Energiekooperation, er warnt aber zugleich davor, „in der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion eine Lösung unserer Energieprobleme zu sehen“. Denn die Russen benötigen ihre Energiereserven nicht nur als Devisenquelle, sondern zunehmend für den wachsenden Eigenbedarf.