Pionier auf Neuland – Hans-Ulrich Wehlers Beiträge zu einer kritischen Theorie

Von Werner Hornung

Bestseller-Listen scheinen kein brauchbares Krisenthermometer zu sein. So läßt sich etwa die heutzutage vielbeschworene Geschichtsmüdigkeit kaum unmittelbar an ihnen ablesen. Historische Novitäten verdrängen aktuelle Sachprosa. Meadows, Ditfurth & Co. halten zwar das Mittelfeld, das Rennen aber machen eher Phönizier und Pharaonen, Pörtners Wikinger-Saga und Manns Wallenstein-Biographie, der erste Amerikaner und der gerade allerletzte Asterix-Streich in Klein-Gallien.

Das stabreimt so schön und täuscht zugleich; denn betrachtet man all diese Bestseller etwas genauer, dann fällt einem häufig deren Ähnlichkeit mit argloser Sofa-Belletristik auf. Die Geschichte liefert jeweils nur die Kostüme; einziger Zweck dieser literarischen Maskenbälle ist Unterhaltung; das Quasi-Zeitlose also gefällt. Titel und Untertitel zu Werner Kellers kürzlich erschienenem Buch zeigen das deutlich: „Da aber staunte Herodot. Merkwürdige und gruselige, wunderbare und komische Storys des Vaters der Geschichte ...“

Nichts gegen amüsante Lektüre, wer mag schon Miesepeter spielen, nur: Der deftige Reiz antiker Erotica oder Grusicals beispielsweise kann leicht eine fragwürdige Haltung erzeugen; man zieht vorschnell Parallelen zur Gegenwart, meint dabei „das war schon immer so“, vergißt jedoch, daß „das nicht immer so sein muß“.

Teenager mit Rechtsdrall

Was ein antiquierter Geschichtsunterricht für die Erziehung zu praktischer Demokratie leistet, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Nur ein polemischer Karl Steinbuch kann großzügig Fakten übersehen und einem Großteil der westdeutschen Jugend das Etikett „Revolutions-Reservoir“ verpassen. Wer in den Untersuchungen der Psychologen Jaide und Bonner nachblättert oder Geschichtslehrer fragt (namentlich in Hauptschulen), bekommt realistischere Antworten, erfährt etwas über den Rechtstrend unserer Teenager.