Die Frage an diesem Abend, in der vornehmzurückhaltenden Version, hieß: Wird Maria Callas, nach einer Pause von fast zehn Jahren, noch einmal an ihre phänomenalen Gesangskünste und darstellerischen Leistungen der fünfziger und frühen sechziger Jahre anknüpfen können? Etwas brutaler formuliert: Kann sie noch singen oder nicht? Zumindest die Antwort auf die erste Frage lautet: nein.

Daß Maria Callas ihren Versuch eines Comebacks im Rahmen einer Welttournee nicht in einer der großen Musikmetropolen der Welt, sondern in Hamburg begann, war gewiß ein Akt von Vorsicht und Klugheit: In der von musikalischen Weltbestleistungen durchaus nicht verwöhnten Hansestadt könnten die Habitués leicht eine Mehrheit unter den Zuhörern bilden und der Primadonna assoluta schwärmerisch zu Füßen liegen, ganz gleich, was sie ihnen böte; der Bombenerfolg müßte somit die anschließende Tournee sozusagen ein bißchen vorprogrammieren, nach außen wie nach innen.

In der Tat war denn auch das Konzert im neuen Hamburger Congress Centrum eine Versammlung von aficionados, wie man sie nur noch ganz selten erlebt: rund dreitausend teuer zahlende Gäste in Edelgarderoben, die einerseits durchaus ein bißchen Kenntnis von der Materie haben müssen, wenn sie nach drei Takten Klaviervorspiel durch Beifall kundtun, daß sie wissen, was da gespielt und gesungen werden soll – und das bei einem Stück aus einer längst nicht alltäglichen Oper, nämlich Puccinis „Gianni Schicchi“; die aber andererseits, indem sie sich in frenetischen Ovationen verausgaben, sich in einem Maße unkritisch verhalten, daß es einem die Sprache verschlägt.

Denn von der einstmals so faszinierenden Stimme der Callas, von dem strahlenden Glanz, von dem Volumen, von dem Ausdruck, der einmal eine musikalische Welt beherrschte und in Bann hielt, ist nur noch die Spur einer Andeutung vorhanden.

Geblieben ist die technische Beherrschung einer bestimmten Art von Koloratur, jener in ganz kurzen Tönen geschwind durch eine Oktave und mehr eilenden Girlande, die einen blitzschnellen Ansatz und die flinke Umstellung der stimmformenden Organe bedingt; zwei-, dreimal blitzte an diesem Abend etwas von dieser Kunstfertigkeit auf, die allein ein Stück von Bellini oder Meyerbeer etwa heute noch erträglich macht. Aber sie kann nicht mehr häufiger in Erscheinung treten, weil die Callas jene Partien nicht mehr im Repertoire hat, die diese Technik in höchste Stimmlagen tragen, sondern weil sie ins tiefer gelegene Fach ausgewichen ist.

Geblieben ist auch eine für die Callas der früheren Jahre außerordentlich charakteristische Farbe: die mit dunklen Vokalen in die Bereiche zwischen Verführung und Verzweiflung, gelegentlich bis in die Nähe des Ordinären hinabführenden Timbres mit leicht gutturalem Hintergrund. Aber diese so gefärbten Töne sind Einzelerscheinungen geworden, deren Eindruck und Wirkung sofort vergessen sind, wenn etwa zwei Takte später absolut unsauber angesetzte, nicht einmal korrigierte Töne in der Mittellage einen treffen wie der Zahnarzt, der auf den Nerv stößt.

Geblieben ist schließlich die Fähigkeit, einen Bogen musikalisch zu gestalten, die Akzente dort zu setzen, wo der melodische Verlauf ihn verlangt.