Von Heinz-Günter Kemmer

Es schien paradox: Der Vertreter einer Verkaufsorganisation forderte die Abnehmer zum Maßhalten auf. Der dies tat, war Dr. Abderrahman Khene, Generalsekretär der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC). Wenige Tage vor Ausbruch der jüngsten Nahostkrise warnte Khene vor deutschen Industriellen in Bonn, eine Fortsetzung des ungehemmten Ölverbrauchs bedeute „eine tägliche Mißachtung des gesunden Menschenverstandes, und es liegt etwas Krankhaftes, Morbides in diesem Willen, um nicht zu sagen der Lust des Menschen, unablässig die Katastrophe herauszufordern“.

Deutlicher als je zuvor machte der OPEC-Generalsekretär, ein gelernter Mediziner aus Algerien, der westlichen Welt klar, daß die arabischen und afrikanischen Staaten nun selbst bestimmen wollen, in welchem Rhythmus ihr Öl gefördert und wohin es verkauft wird. Wer Khene genau zuhörte, der konnte nicht mehr überrascht sein von dem, was wenige Tage später geschah: höhere Preise, Einschränkung der Förderung und Boykottmaßnahmen gegen bestimmte Länder.

Khene wörtlich: „Das Ölangebot ist begrenzt. Deshalb wollen die Förderstaaten das Öl lieber ihren Freunden verkaufen.“ Allerdings wandte sich Khene dagegen, eine solche Politik mit einer während eines Krieges eingesetzten Waffe zu vergleichen – er ahnte den aufziehenden Konflikt in Nahost wohl ebensowenig wie seine Zuhörer.

Um die westliche Welt in Unruhe zu versetzen, bedurfte es aber mehr als dieses Vortrages, es mußte erst geschossen und boykottiert werden, um die Ölgläubigkeit unseres Jahrhunderts endgültig zu begraben. Inzwischen ist klar, daß nicht mehr die westlichen Ölgesellschaften, sondern die Regierungen der OPEC-Länder darüber bestimmen, wieviel Öl gefördert wird. Und wenn diese dabei einen restriktiven Kurs einschlagen, kann man dies ihnen nicht einmal verübeln.

Eher als andere haben die internationalen Mineralölkonzerne diese Entwicklung kommen sehen. Wenn sie an einen nie versiegenden Ölquell in Nahost geglaubt hätten, hätten sie weder Kohlegesellschaften in den USA gekauft noch Prospektion im Norden des amerikanischen Kontinents betrieben, wo jede Bohrung ein Vielfaches dessen kostet, was dafür am Persischen Golf aufzuwenden ist.

Aber auch die Männer in den Hauptquartieren von BP, Esso und Shell sind vom Zeitpunkt der Ölverknappung überrascht, sie haben ihre „Ersatzenergien“ noch nicht bereit. Und so stellt sich die Frage, was denn nun geschehen soll, wenn Araber und Afrikaner unabhängig vom Ausgang des Nahostkonflikts den Ölexport dros-